„Einheit in der Vielfalt“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

Anlässlich des 30zigsten Jahrestages der Deutschen Einheit wurde der Zukunftsforscher Daniel Dettling vom Zukunftsinstitut zum Stand der deutschen Einheit interviewt [1]. Er kommt zu dem auf den ersten Blick erstaunlichen Schluss „Der Westen wird sich dem Osten angleichen“. Dies basiert auf der weitreichenden Erkenntnis „Wir leben 2050 in einem Deutschland und Europa der Regionen. Landkreise und ihre Kommunen haben ähnliche Kompetenzen wie die Bundesländer und können vor Ort autonomer agieren, angefangen von den Schulen bis hin zu Steuern.“ – Die „Einheit in der Vielfalt“ sei das zukünftige Einende. – Dettling identifiziert nicht Geld, als den entscheidenden Ordnungsparameter, sondern er spricht vom „Glücksfaktor“, bei dem der Osten schon weiter sei als der Westen.

Man braucht nicht sehr „quer“ zu denken, um zu erkennen, dass dies nichts anderes ist als einer der Grundgedanken der Selbstorganisation, der sich auch im gesellschaftlichen Raum seinen Weg bahnt.

Die Grundgedanken der Selbstorganisation „Einheit in der Vielfalt“, die Suche nach Sinn, die Einführung von Nachhaltigkeit, die Ersetzung des Wettbewerbsgedankens durch den Kollaborationsgedanken, alle dies sind Ausdruck eines weiter entwickelten  gesellschaftlichen Bewusstseins, das sich anschickt zu emergieren.

In einem Artikel auf nature communication warnen Nachhaltigkeitsökonomen erst kürzlich vor den Konsequenzen des Überflusses. Sie skizzieren Konzepte, die auf dem Grundgedanken der Selbstorganisation beruhen und hier Abhilfe schaffen sollen [2]. Dies wird flankiert von den datenbasierten Forschungsergebnissen meines Sohnes Yannick, dass der Energie-Fußabdruck ganz wesentlich mit dem Einkommen und damit mit dem Überfluss korrespondiert [3]. Man siehe hierzu und zur korrespondierenden Oxfam-Studie auch den Kommentar in Forbes [4].

Der ein oder andere mag auf die Idee komme, dass dies dem Kapitalismus bzw. dem ungezügelten Kapitalismus zuzuschreiben ist. – Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen, jedoch liegt das Problem meines Erachtens tiefer. Es hat viel mehr mit den aktuell (noch) vorherrschenden Werte-Memen zu tun, die besagen, dass „Wer (mehr) Erfolg hat, hat auch ein Anrecht auf (mehr) Entlohnung, also mehr Überfluss“, dass „Innovationen schon immer unser aller Lebensstandard gehoben haben und deshalb (immer) gut sind“, und dass „wir klare Fakten brauchen, die keinen Zweifel aufkommen lassen, bevor wir die Pferde scheu machen, denn es ist noch immer gut gegangen ist“. Diese Aussagen sind zentrale Werte-Meme des sogenannten orangenen Werte-Mems. Das orangene Werte-Mem ist weitgehend blind für eine Relativierung unserer anthropozentrischen Bedeutung und unserer systemischen Einbettung. – Deshalb sind auch datenbasierte Forschungsergebnisse so wichtig; neben Rahmenbedingungen wie Corona oder ersten großen Klimaschäden, die einen mächtigen Druck zum Umdenken ausüben, ist es sehr wichtig, das orange Mem mit einer seiner eigenen Waffen, der „datenorientierten Innovation“, zu schlagen, um so mitzuhelfen, eine Transformation anzustoßen. – Denn, …der Überfluss entspringt einem Denken und Handeln, das nicht mehr zum 21. Jahrhundert passt.

In [2] wird ein „neuer Lebensstil für das 21. Jahrhundert“ vorgeschlagen. – Die nachfolgende Tabelle zeigt wie stark diese Vorschläge mit den im Management 4.0 vorgeschlagenen Werte-Memen korrespondieren [5]. Dieser Werte-Mem Shift hat schon vor mehr als 25 Jahren eingesetzt, denn man kann ihn an den Entwicklungen festmachen, die zum Agilen Manifest führten:

Nachhaltige Ökonomie/
Gesellschaft [2]

Management 4.0 [5]

Das Bruttoinlandsprodukt ist kein geeignetes Maß für Wohlstand oder gar den „Glücksfaktor“. – Dies entspricht der Aussage: Preise bzw. Geld sind keine Sinngeber!

Der überbordende Work-in-Progress von einzelnen Personen, Teams oder Organisationen ist letztendlich die organisationale Repräsentation des Glaubens „Geld ist der entscheidende Träger von Sinn“.

Der WIP ist vielmehr zu limitieren und als „falscher“ Ordnungsparameter zu entlarven, um den Weg für einen sinngebenden Ordnungsparameter frei zu machen.

Ermächtige Menschen auf allen Ebenen zur Partizipation und Demokratie mit stärkerer Selbst-Governance auf lokaler Ebene.

Führe Selbstorganisation ein, die auf den synergetischen Prinzipien der natürlichen Selbstorganisation beruht. Baue eine entsprechende dynamische Governance-Architektur auf.

Betone Gleichheit und reduziere Ungleichheit durch Umverteilung

Betone individuelle Wertschätzung und reduziere wertvernichtende Komplexität durch einen integralen Ansatz.

Unterstütze die Transformation des ökonomischen Systems durch die Betonung von Forschung und Innovation in einem kollaborativen lokalen Umfeld (bei gleichzeitiger Reduktion von Massenproduktion in einem Wettbewerbsumfeld) 

Richte die Organisation an einer innovativen Ziel-Hierarchie (z.B. Collective Mind, Story Map, OKRs,…) aus, die den Menschen in der Organisation Sinn vermittelt und ermögliche dies durch Kollaboration statt Silo-Denken und Wettbewerb.

Sorge für Kapazitäten in der (digitalen) Bildung sowie im Austausch von Know-How zwischen lokalen gesellschaftlichen Einheiten 

Sorge dafür, dass durch geeigneten Austausch Selbstorganisation und Skalierung von Organisationen Hand in Hand gehen.

 

In [2] werden zusätzlich unterschiedliche Organisationsformen skizziert, die sich insbesondere in der Ausgestaltung der Governance-Architektur unterscheiden: Nämlich, ist die Governance-Architektur eher dynamisch oder statisch?; gibt es eine übergeordnete Governance, die die Einheit in der Vielfalt sicherstellt?; und gibt es eine Governance, die die Wechselwirkung zwischen lokalen Einheiten im gesellschaftlichen System reguliert?

Auch im Management 4.0 kennen wir genau diese Fragestellungen.- Die meisten Agilen Handlungsrahmen (wie Scrum und Kanban oder SAFe und LeSS) verfügen lediglich über eine statische Governance. Nur der Handlungsrahmen Soziokratie bzw. der hiervon abgeleitete Handlungsrahmen Holacracy verfügt über eine dynamische Governance. Der Handlungsrahmen Scaled Agile Management 4.0 beruht auf einer dynamischen Governance, die zusätzlich auf den Prinzipien der natürlichen Selbstorganisation (Synergetik) beruht.

In dem Deutschlandfunk-Beitrag „Die Wertedebatte, Wie fünf Ökonominnen Wirtschaft und Politik neu verbinden“ [6] werden die volkswirtschaftlichen Konzepte der fünf bedeutenden Ökonominnen Mariana Mazzucato, Kate Raworth, Esther Duflo, Stephanie Kelton und Carlota Pérez skizziert. Ich zitiere beispielhaft hieraus zu einem „neuen Lebensstil für das 21. Jahrhundert“:    

„Voraussetzung wäre jedoch auch in ihren Augen der Abschied von traditionellen Theorien der Volkswirtschaft. Statt sich weiter an den Modellen der industriellen Massenproduktion zu orientieren, bei denen Wachstum, Erwerbsarbeit, Besitz und dergleichen wichtig sind, gelte es, einen neuen Lebensstil für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Die Zukunft ist nicht immer die Fortführung der jüngsten Vergangenheit. Der Staat muss die Wettbewerbsbedingungen in eine synergistische Richtung lenken. Eine Richtung, in der das, was einer tut, allen anderen zugutekommt, sodass wir diese fantastische gemeinsame Energie für Wachstum und Wohlbefinden bekommen.

Erste Trends in diese Richtung gibt es ja bereits. Wir könnten noch mehr Gebrauchsgüter gemeinsam nutzen, statt einzeln zu besitzen. Eine individuelle maßgeschneiderte Produktion von qualitativ hochwertigen und langlebigen Einzelstücken könnte die heutige Massenproduktion von Billigteilen ersetzen. Wir könnten mehr Zeit für Familie, gegenseitige Fürsorge, Bildung und Kultur aufwenden statt um jeden Preis an überflüssig gewordenen Erwerbsarbeitsplätzen festzuhalten. Klingt utopisch?“

Die Erkenntnisse des Zukunftsinstituts, der modernen (Nachhaltigkeits-) Ökonomie und des Management 4.0 zeigen in die gleiche Richtung. Analog dem Agilen Manifest schlage ich auf dieser Basis ein ökologisch-ökonomisches Manifest vor:

  • Die Selbstorganisation der Gesellschaft ist wichtiger als die Selbstorganisation des Marktes.
  • Der Markt dient der Gesellschaft, und nicht die Gesellschaft dem Markt.
  • Eine geführte Selbstorganisation des Marktes ist wichtiger als eine ungeführte Selbstorganisation des Marktes.
  • Einheit in der Vielfalt ist wichtiger als Einheit.
  • Kollaboration ist wichtiger als Wettbewerb.
  • Lokalität ist wichtiger als Globalisierung.

Die nachfolgende Abbildung 1 fasst einige Aussagen der Blog-Reihe „Selbstorganisation des Marktes“ zusammen:

Abbildung 1: Die Selbstorganisation der Gesellschaft ist wichtiger als die Selbstorganisation des Marktes.

Viele Individuen tragen mit ihrem individuellen Verhalten in verschiedenen Kontexten auf der Mikro-Ebene zur Ausbildung von Mustern bei, die sich auf der Makro-Ebene des Marktes und der Gesellschaft zeigen. Damit tragen die individuellen Makro-Ebenen mit ihren individuellen Werten und Glaubenssätzen, ihren Identitäten und dem Sinn, den jeder seinem Leben gibt, zu den gesellschaftlichen Makro-Strukturen bei. – Es bilden sich mehr oder weniger viele Gesellschaften bzw. Teilgesellschaften sowie ein Markt bzw. Teilmärkte.

Die sozialen Makro-Ebenen (Markt/Märkte bzw. Gesellschaft/Teilgesellschaften) lassen sich wiederum durch unterschiedliche Ordnungsparameter beschreiben. So habe ich im letzten Blog z.B. erwähnt, dass man die unterschiedlichen ökonomischen Theorien u.a. auch durch die Reihenfolge der Markt-Ordnungsparameter charakterisieren kann. Der in allen ökonomischen Theorien oberste Ordnungsparameter ist die Technologie, sie ändert sich am langsamsten. – Die Schnelligkeit oder Langsamkeit, mit der sich die Größen im Verhältnis zueinander ändern, habe ich durch stärkere oder weniger starke Schwingungen angedeutet. So zeigt das Verhalten der Menschen auf Mikro-Ebene die (wahrscheinlich) stärkste Dynamik.

Der Markt ist Teil des gesellschaftlichen Systems. Berücksichtigt man, dass Modelle immer ihre Limitierungen haben, so hat die Ökonomie gezeigt hat, dass man mit mathematischen Modellen den Markt vielfach sehr gut beschreiben kann. – Man kann sogar mit Hilfe der mathematischen Theorien der Komplexitätsforschung und der Selbstorganisation für den Markt wichtige Erkenntnisse gewinnen. – Es ist jedoch wichtig, festzuhalten, dass der Markt bzw. die Märkte zwar emergierende Makro-Strukturen zeigen, jedoch in sich keine soziale Rechtfertigung tragen. – Sie sollten, trotz aller „selbstorganisierter Komplexität“ nur als „formale“ Repräsentationen gesellschaftlicher Makro-Strukturen betrachtet werden und diesen untergeordnet werden, damit sich die integralen Werte-Meme entwickeln können. Genau dies ist für mich die Quintessenz eines „neuen Lebensstils für das 21. Jahrhundert“. – Wenn man sieht, dass Management 4.0 gerade die organisationale Welt verändert, dann kann man die berechtigte Hoffnung haben, dass der Kapitalismus für das Leben im 21. Jahrhundert seine Dominanz verliert, Innovationen mehr integrale gesellschaftliche Relevanz zeigen und der „Glücksfaktor“ wächst.  

[1] Bayer Anna und Künßberg Jann-Luca (2020) Interview mit dem Zukunftsforscher Daniel Dettling über Deutschland 2050, „Der Westen wird sich dem Osten angleichen“, Spiegel,  https://www.spiegel.de/geschichte/deutschland-2050-der-westen-wird-sich-dem-osten-angleichen-a-5d614ef4-1d3a-4022-afde-49d6f1ddd7d4, zugegriffen am 24.10.2020

[2] Wiedmann Thomas, Lenzen Manfred, Keyßer Lorenz T., Steinberger Julia K. (2020) Scientits‘ warning on affluence, nature communications, (2020)11:3107

[3] Oswald, Y., Owen, A. & Steinberger, J.K. (2020) Large inequality in international and intranational energy footprints between income groups and across consumption categories, Nature Energy volume 5, page 349(2020)

[4] Ollie Williams (2020) Rich People Are Bad For The Planet Studies Show, https://www.forbes.com/sites/oliverwilliams1/2020/09/21/rich-people-are-bad-for-the-planet-studies-show/#2e6f07db2b46, zugegriffen am 24.10.2020

[5] Oswald Alfred, Müller Wolfram (editors) (2020) Management 4.0 – Handbook for Agile Practices, BoD, Norderstedt

[6]  Schrupp Antje (2020) Die Wertedebatte, Wie fünf Ökonominnen Wirtschaft und Politik neu verbinden, Deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/die-wertedebatte-wie-fuenf-oekonominnen-wirtschaft-und.1184.de.html?dram:article_id=485902&utm_source=pocket-newtab-global-de-DE, zugegriffen am 24.10.2020

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ steht verkürzt für die sogenannte Katallaxie, ein Konzept der Selbstorganisation des Marktes. Dieses Konzept geht im Wesentlichen auf den Ökonomie-Nobelpreisträgers F. A. von Hayek [1] zurück. Von Hayek hat seine Ideen zur „Ökonomie einer freien menschlichen Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von komplexen ökonomischen Problemstellungen“ in den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entwickelt, zu einer Zeit als die Komplexitätsforschung erblühte und naturwissenschaftliche Theorien zur Selbstorganisation immer mehr an Bedeutung gewannen. Leider fanden die Ergebnisse dieser Komplexitätsforschung keinen direkten Eingang in das Hayek’sche Konzept. – Und selbst ca. 30-40 Jahre später gab es in der Dissertation von Dötsch [2] noch keinen Brückenschlag zwischen Sozial- und Naturwissenschaft.

In der Tabelle 1, der Übersicht wegen am Ende des Blogbeitrages, habe ich das Konzept der Katallaxie auf der Basis von [2] mit den Mittel der Synergetik zusammengefasst. Die Tabelle enthält gemäß [2] auch einige zentrale Vorschläge zur Behebung bzw. Korrektur des Hayek’schen Markt-Selbstorganisations-Verständnisse sowie zum Vergleich einige zentrale Aussagen des Management 4.0 Konzept (M 4.0). – Die Behebungen bzw. Korrekturen aus [2] treffen meines Erachtens den Kern der „Unzulänglichkeiten“ im Hayek’schen Selbstorganisations-Verständnisse, jedoch fehlt der Brückenschlag zu den universellen und modernen Konzepten der Selbstorganisation [3], [4], [5].

Die Beschäftigung mit den ökonomischen Selbstorganisations-Konzepten des Marktes ist deshalb so enorm wichtig, weil diese unser aller Verständnis von Markt, Wirtschaft und letztendlich auch unserer Gesellschaft enorm prägen. Am SO Verständnis scheiden sich die ökonomischen Geister: Die Befürworter der im Wesentlichen unregulierten SO werden als Neoklassiker oder Neoliberale und die Gegner einer unregulierten SO als Keynesianer oder gar als Sozialisten und Kommunisten stigmatisiert. Wie in den vorherigen Blog-Beiträgen skizziert, beruht diese gegenseitige Stigmatisierung auf Glaubenssätzen, die teilweise Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreichen und auf einem mehr oder weniger guten Verständnis der Theorien der Ökonomiegrößen. Hayek ist eine solche Ökonomiegröße. Es wäre vermessen alle Aspekte seines SO Verständnisse vollständig verstehen und referieren zu wollen, ich glaube jedoch, dass man im Licht der modernen SO-Theorien einen sehr guten Zugang zu den herrschenden ökonomischen Glaubenssätzen bekommt und damit Handwerkszeug für eine notwendige gesellschaftliche Transformation erhält.

Hayek sieht den Wettbewerb „Einen Feind in einen Freund verwandeln“ als „Enabler“ oder wie wir im M 4.0 sagen, als Kontrollparameter der Markt-Selbstorganisation. Wettbewerb ist bei ihm durchweg positiv belegt. Falls die Markt-Regeln eingehalten werden, können sich nach Hayek negative Auswirkungen kaum einstellen. Man beachte, dass Hayek also sehr wohl schon das Eingreifen in den Markt über Regeln und ein Set an Institutionen kennt. – Ein Umstand, der wahrscheinlich vielen (unbewussten) Anhängern der Hayek’schen Ansätze nicht bekannt sein dürfte und der nach wie vor zur Polarisierung zwischen sogenannten Ökonomieschulen führt. – Die integrierende Kraft eines rationalen Selbstorganisations-Verständnisses, ohne behindernde Glaubenssätze, ist in der Ökonomie nach meiner bisherigen Kenntnis wenig verbreitet.

Man beachte, der Markt verliert auch gemäß Hayek aufgrund seiner Markt-Regeln nicht zwangsläufig seine SO! – Die Hayek’schen Markt-Regeln sind eine „einfache“ Form einer SO-Governance.

Seit der Erfindung des LASERs gehört das gezielte Steuern von SO zum Handwerkszeug von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. – Inzwischen hat sich auch eine neue Forschungsrichtung unter dem Begriff „Guided Self-Organization“ etabliert, die gerade für die Bereiche Künstliche Intelligenz und Robotik immer mehr an Bedeutung gewinnt [5].

Die Führung der Selbstorganisation durch Governance ist das zentrale Werkzeug der Agilen Führung 4.0. Ein Mittel dieser Führung 4.0 ist die regulierte Interaktion bzw. Kommunikation, einen Wettbewerb an Ideen, der durch gegenseitigen Respekt und Wertschätzung reguliert wird.- Deswegen ist es auch verständlich, dass in [2] auf eine „Korrektur“ durch Humberto Maturana hingewiesen wird. Maturana kritisiert den „Wettbewerb“ als entscheidenden Stabilisator des Marktes und verweist stattdessen auf die Liebe als Stabilisator. Im M 4.0 sprechen wir von einer Kommunikation, in der die Persönlichkeit des „Anderen“ über den Austausch von Ideen und Waren wertgeschätzt wird; also einer Liebe, die gleichermaßen Mensch, Tier und Natur als die „Anderen“ einschließt. Diese wertschätzende Form des Austausches ist im Management 4.0 der entscheidende Kontrollparameter der Selbstorganisation. Die SO im M 4.0 Konzept ist also auf Kooperation bzw. Kollaboration ausgelegt, wohingegen die SO im Hayek’schen Sinne kompetitiv angelegt ist.

Das Hayek’sche System „Markt“ kennt nicht wirklich eine Umwelt. Wie in der Systemtheorie sonst üblich, kennt das Hayek’sche Konzept damit das System-bildendende Verhältnis von System und Umwelt nicht. Spätestens seit Ashby gehört jedoch die Regulation der System-Komplexität als „Antwort“ auf die Komplexität der Umwelt zur Adaptionsfähigkeit eines Systems.- In den Naturwissenschaften ist dieser Austausch mit dem Begriff der Entropie bzw. des Entropieaustausches verbunden. Die Selbstorganisation des Marktes hängt also wesentlich mit dessen Fähigkeit zur Regulation von Komplexität zusammen. –  Andere sprechen meines Erachtens fälschlicher Weise von der „Reduktion von Komplexität“, statt von der „Regulation von Komplexität“. Gerade aktuell treffen wir leider wieder sehr oft auf Vertreter der „Reduktion von Komplexität“: Trump, Johnson, Orban, Verschwörungsideologen, AfD und Nazi’s aber auch einzelne Vertreter der Wirtschaft wie Tönnies oder Wirecard reduzieren die Komplexität unseres Seins, um es für sich nutzbar zu machen, ggf. auch unter Verletzung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. – Die „Reduktion von Komplexität“ durch vermeintliche Führungskräfte im Angesicht einer komplexen Umwelt ist ein sehr klares Indiz für eine wertvernichtende (Selbst-) Führung.

Dahinter verbirgt sich auch der Glaubenssatz „der Markt ist (nahezu) Alles“. Dies trägt auch dazu bei, dass die Fehlentwicklungen des Marktes nicht gesehen werden können. Die Fehlentwicklungen eines gesellschaftlichen Subsystems, wie diejenigen des Marktes, werden erst sichtbar, wenn man sie im Lichte eines größeren Ganzen betrachtet: Tönnies, der seine Welt auf seinen Markt reduziert, wird die damit verbundenen Fehlentwicklungen nicht erkennen; die Manager der Autoindustrie, die ihre Welt auf das Auto reduzieren, werden den Schaden, den Sie eventuell für Generationen anrichten, nicht erkennen.- Diese Reduktion ist sogar vielmehr notwendig, um in der so geschaffenen reduzieren Welt handlungsfähig zu bleiben.

Das Hayek’schen Konzept erkennt zwar viele „richtige“ Bestandteile und Wirkzusammenhänge der Selbstorganisation, jedoch fehlt die klare Ausgestaltung von Rahmenparametern und Kontrollparametern, d.h. der Bedeutung von System-Umwelt, der Regulation von Komplexität und der entsprechenden Relativierung der Bedeutung des Wettbewerbs. Was auch fehlt ist das Erkennen von Ordnungsparametern oder Attraktoren als Ordnung hervorrufender Bestandteil der SO. Preise werden zwar als Ordnung schaffende Makro-Ergebnisse eingeführt, wobei jedoch eher die Knappheit eines Gutes über die Preisbildung als ordnungsschaffend angesehen wird. Knappheit oder das Bedürfnis nach der Überwindung von Knappheit ist meines Erachtens ein Kontrollparameter, der auch manchmal gezielt von Produktanbietern eingesetzt wird, um die Nachfrage und die Preise anzukurbeln. Ordnungsparameter sind Parameter, die sich zeitlich in größeren Zeithorizonten verändern, sogenannte „slow variables“, sie ordnen das Verhalten von sogenannten „fast variables“. In [3] wurde gezeigt, dass man ökonomische Theorien nach den in der Theorie ausgewählten Ordnungsparametern („slow variables“) charakterisieren kann. – In allen dort aufgeführten Theorien wird die Technologie als die langsamste der veränderlichen Größen angesehen. – Die Technologie ist also ein dominanter Ordnungsparameter.- Am Beispiel der deutschen Autoindustrie kann man erkennen wie das Festhalten am Verbrennungsmotor, das Denken dieser Industrie dominiert. Gemäß [3], kann man die Theorienschulen in den mathematischen Modellen, die vereinfachend nur wenige Systemparameter enthalten, nach den verwendeten Ordnungsparametern unterscheiden: Zum Beispiel favorisiert die Theorieschule nach Keynes Gehälter (und Preise) als Ordnungsparameter; die Neoklassik favorisiert Kapital (und Arbeit) als Ordnungsparameter. – Die Synergetik kann also einen Brückenschlag zwischen Theorienschulen liefern, in dem die Auswahl der Systemparameter (Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparameter) zur Beschreibung von ökonomischen Mustern sich am jeweiligen gesellschaftlichen Kontext orientiert und nicht am Glaubenssatz!

Die Verwendung von Ziel-Hierarchien (z.B. Collective Mind Informationshierarchie, Story Map oder OKR) nutzt genau diese Erkenntnis: Ziele auf oberster Ebene (u.a. Vision/Mission) verändern sich langsamer bzw. sollen sich langsamer verändern als untergeordnete Ziele (u.a. SMARTe Ziele). Ziele mit langsamer zeitlicher Veränderung dienen als Anker für die untergeordneten Ziele mit schnellerer zeitlicher Veränderung, sie sind Sinn-Geber! Und genau hier setzt die Kritik von Niklas Luhmann an: Preise sind zwar untergeordnete Ordnungsparameter, jedoch können sie keinen Sinn erzeugen. Sie sind allenfalls in ihrer untergeordneten Rolle Ausdruck eines übergeordneten Sinns. Knappheit ist auf keinen Fall ein Sinn-Geber, allenfalls ist die Auflösung von Knappheit, wie oben schon gesagt, ein Kontrollparameter. Man kann hier wiedererkennen, dass wesentliche SO-Wirkmechanismen in dem Hayek’schen SO-Verständnis nicht enthalten sind. Auch wenn Hayek die Integration von individuellen Zielen durch den Marktmechanismus thematisiert, so lässt sich auch hier die Wirkung des Glaubenssatzes „der Markt ist (nahezu) Alles“ wiedererkennen.

Im Lichte aktueller Entwicklungen (Klima, Corona und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen u.a. wie Tönnies und Dieselskandal) und der bisherigen Blogbeiträge zur Selbstorganisation des Marktes ergibt sich die klare Erkenntnis:

Der Markt kann seine innovative Kraft auch zeigen, wenn er als selbstorganisiertes System mittels Governance in ein übergeordnetes gesellschaftliches System eingebettet ist.

Das übergeordnete gesellschaftliche System liefert den Sinn (d.h. die obersten Ordnungsparameter) für das Subsystem Markt. – Markt allein macht keinen Sinn und damit auch keine sinnvolle Ordnung! 

[1] Wikipedia (2020) Friedrich August von Hayek,  https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek, zugegriffen am 04.10.2020

[2] Dötsch Jörg (2012) Wettbewerbliche Ordnung als fragiles System, Systemtheoretische Überlegungen zum Ansatz Friedrich August von Hayeks, Dissertation Universität Bayreuth

[3] Zhang Wei-Bin (1991) Synergetic Economics – Time and Change in Non-linear Economics, Springer

[4] Liening Andreas (2017) Komplexität und Entrepreneurship: Komplexitätsforschung sowie Implikationen auf Entrepreneurship-Prozesse, Springer Gabler, Kindle Ausgabe

[5] Prokopenko Mikhail (Editor) (2014) Guided Self-Organization: Inception, Springer

 

Rahmen-
parameter
Kontroll-
parameter
Ordnungs-
parameter
Makro-
Struktur
HayekFehlt: Regulation von Komplexität in einem Netzwerk von gestaffelten System-Umfeld-Beziehungen
Fehlt: Einbettung in ein SO-horizontales-vertikales Umfeld
historische/ tradierte Regeln

historische/tradierte Regeln
Motivation der Individuen mit unterschiedlichen Identitäten

Regeln und Regelfriktionen (Regeln sind Voraussetzung, aber auch Gefährder der Ordnung)

Set an Institutionen

Markt durch Wettbewerb und Entdeckung (Wettbewerb unterstützt menschliche Bedürfnisse)

endogene/exogene (!) Selbstorganisation“ auf der Basis von Grundannahmen/Regeln des Marktes: Schutz der Privatsphäre, freier Zugang zum Markt, Gewalt und Betrug werden verhindert, Schutz des Eigentums, Pflicht zur Vertragseinhaltung: „Disziplin der Freiheit“
Fehlt: Preise/ Knappheit ermöglichen arbeitsteilige OrdnungOrdnung mit
evolutionärer Weiterentwicklung durch „stochastische“ Optimierung, die zu Innovation führt

Integration individueller Ziele und gemeinsamer Werte ( er sieht aber auch, dass dies in der Praxis zu Problemen führen kann)

Höherer Wohlstand
Behebung/
Korrektur nach [2]
Röpke: System-Umfeld, Reduktion von Komplexität (in [2] wird von Reduktion und nicht Regulation gesprochen)Maturana: Liebe als wesentliches Element der Kommunikation
Röpke: Selbststabilisierung des Marktes durch verschachtelte System-Umwelt-Interaktion zur gegenseitigen Reduktion von Komplexität
Luhmann: Sinn als Struktur-Geber der Kommunikation
M 4.0Horizontale und vertikale Einbettung von SO-Kreisen (System und Subsysteme)

System- und Subsystem-Historien (u.a. Kultur/Mindset)
Komplexes
dynamisches Netzwerk an SO-Kreisen mit SO-Governancen.

Dieses Netzwerk, von der grobkörnigen zur feinkörnigen Governance, gibt hohe Freiheitsgrade und ermöglicht Resonanz und Synchronisation auf allen Ebenen und in allen SO-Kreisen.

Die SO-Governancen respektieren (bestehende) individuelle, organisationale und gesellschaftliche Mindsets und beruhen auf nachhaltigen Werten und Grundannahmen; Regeln und Institutionen werden minimiert.

Der Wert „Macht“, der bisher in unserer Gesellschaft als Kontrollparameter recht oft dominant vorliegt, wird in seine Schranken verwiesen, denn er ist in seiner dominanten Ausprägung SO verhindernd.
Komplexes Netzwerk an Ordnungsparametern/Attraktoren auf der Basis des komplexen SO-Netzwerkes

Diese erzeugt Ordnung, Ausrichtung und Sinn. (Die Ziel-Hierarchie ist ein Beispiel für eine Ordnungsparameter-Hierarchie)
Nachhaltige, evolutionäre Ordnung, die Innovationen und würdiges Leben für alle ermöglicht.
Tabelle 1: Hayek’sches Verständnis der Selbstorganisation des Marktes