Vom Projekt Corona oder von der Governance-freien Politik

Ich trage mich schon seit einigen Monaten mit dem Gedanken, diesen Blog zu schreiben. – Auslöser, es jetzt zu tun, ist die Erfahrung, die ich in den letzten Monaten und Wochen mit der Betreuung meiner 89-jährigen Mutter in einem Seniorenheim gemacht habe: Es vergehen Wochen und Monate in denen wir einen nur sehr eingeschränkten Zugang zu ihr bekommen. Zwischendurch haben sich recht viele Krankenhausaufenthalte ereignet, manche auch wochenlang in denen kein persönlicher Kontakt bestand. – Hinzu kam, dass meine Mutter sich, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, das COVID-19 Virus im Krankenhaus eingefangen hat und daraufhin auch noch mehrere Wochen in Quarantäne musste. Ich habe mir die Frage gestellt, ob dies alles wirklich notwendig ist, oder eher vermeidbar wäre, denn menschenwürdig ist es auf keinen Fall. – Aus meiner Sicht geschehen zu viele Fehler bei der COVID-19 Bekämpfung. – Die Sinnhaftigkeit verschiedener Bekämpfungs-Maßnahmen will sich mir nicht erschließen, weil ich diese mit jenen Fehlern verbinde.

Die letzten Monate habe ich mir vermehrt die Frage gestellt habe, ob ein Unternehmensprojekt, all die unglaublichen Fehler der letzten Monate verkraften würde?

Aus diesem Grunde tue ich jetzt einmal so, als ob die COVID-19 Bekämpfung ein Projekt, mit dem Namen Corona, wäre.

Bei der Anwendung des (Projekt-) Namens „Corona“ wurde schon der erste große Fehler begangen: Aus dem (Projekt) Management, dem Coaching und der Psychotherapie wissen wir, dass Menschen ganz schlecht mit negativen Aussagen umgehen können. Negative Aussagen bewirken keine Veränderung, sie verhindern diese sogar. Als die Entdecker von COVID-19 dem Virus auch den Namen Corona gegeben haben, hatten sie sicherlich keine wirklich negative Assoziation im Sinn. Man muss heute schon sehr lange bei google scrollen, um auf den Wikipedia Eintrag zu Corona (Antike) als Ehren- und Siegeskranz zu stoßen [1]. Heute wird Corona sicherlich nicht mit etwas Positivem, nämlich Ehre und Sieg, verbunden, sondern mit Einschränkungen, Unsicherheit, Angst und Freiheitsentzug.
Ein gutes Projektteam nimmt zu Projektbeginn eine Einschätzung mittels des Stacey-Darstellung und/oder dem Diamantmodell vor, um im Projektteam eine gemeinsame Sicht auf das Projekt zu erhalten [2]. Im Fall des Projektes Corona käme man wahrscheinlich sehr schnell zur Einschätzung, dass es sich um ein Projekt mit sehr hohem Innovationsgrad und sehr hohem Missionsgrad handelt. Es handelt sich also um ein Transformationsprojekt, das sich auch technologisch auf völligem Neuland bewegt. Nimmt man das Diamantmodell als Erweiterung hinzu, so würde man das Projekt als Krisenprojekt einstufen, das zudem auch noch alle Subsysteme des Systems BRD erfasst. Man spricht in diesem Fall von chaotischen Projekten, Projekten also, die immer die Gefahr in sich bergen, aus dem Ruder zu laufen und dieses „aus dem Ruder laufen“, wenn es denn einmal passiert ist, nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Diese Erkenntnis ist jetzt sicherlich nicht überraschend, aber ein gutes Projektteam wüsste, dass damit der Einstieg in eine systematische Analyse dieser Projektdimensionen vorzunehmen ist, dass die Einschätzungsskalen kontinuierlich anzupassen sind und, dass nur „auf Sicht gefahren“ werden kann. Das Projektteam wüsste aber auch, dass der Projektname positiv aufgeladen werden muss! – Ein Projektname mit negativer Aufladung erzeugt bei jedem Stakeholder (Interessensvertreter) nur Aversionen. Jetzt wird der ein oder andere sagen, wie sollte man so ein Projekt positiv aufladen? Nämlich damit, dass man nicht das Virus mit Corona assoziiert, sondern stattdessen „Ehre und Sieg“ und damit all die Chancen, die sich daraus ergeben: Erweiterung des Schul- und Universitätssystems um Online-Angebote, weitere Verbesserung der Digitalisierung der Verwaltung (u.a. wäre das RKI nicht mehr via FAX an die lokalen Gesundheitsämter angebunden), Stärkung lokaler wirtschaftlicher Angebote, Homeoffice, deutliche Verbesserung der Nachhaltigkeit, Erweiterung und Verbesserung demokratischer Mechanismen, Verbesserung des Gesundheitssystems…usw. also alles Themen, die aktuell über uns hereingebrochen sind, jedoch eben nicht bewusst gestaltet wurden. Und damit hat die Politik einen wichtigen mentalen Anker für die Transformationsarbeit, nämlichen die positive Assoziation, die mit dem Projektnamen verbunden werden könnte, verspielt!  – Dies ist ein „universelles“ negatives Muster in Projekten.

Der Weg zurück in den Vor-Corona-Zustand macht keinen Sinn. Wie die Bertelsmann Stiftung in einer ihrer letzten Studien darlegt, sind „Viele Staaten schlecht auf Zukunft vorbereitet“ [3]. – Es macht also keinen Sinn, dem Vergangenen nach zu weinen. – Es macht Sinn, die Zukunft mit Corona zu gestalten!

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen erfolgreicher Projekte ist die Kompetenz der Projektteammitglieder. – Schauen wir uns die Krisen der letzten Jahre an: Flüchtlingskrise, Finanzkrise aber auch der Umgang mit der Griechenlandkrise oder der Umgang mit BER oder Elbphilharmonie.- Immer wieder lässt sich ein Muster erkennen: Die Politiker halten sich für sehr kompetent, teilweise von Hybris gesteuert. – Man stelle sich nur vor, der amerikanische Präsident hätte sich angemaßt, die Bewältigung des Ölkatastrophe der Deepwater Horizon selbst zu leiten [4]. – Auch dann, wenn eine Krise im politischen Raum stattfindet, sollte nicht geschlussfolgert werden, dass deren Bewältigung (allein) in die Hände von Politikern und Verwaltungsexperten gelegt wird, da ja für die Bewältigung angeblich keine spezielle Kompetenz (oder allenfalls politische) notwendig sei: Der Transport des COVID-19 Impfstoffes in „Campingboxen“ wirft ein Schlaglicht auf das Thema Kompetenz [5]. Es gibt derzeit kein Indiz dafür, dass dies nur ein Einzelfall ist und nicht etwa die Spitze vom Eisberg. Die Beschaffung von Schutzkleidung und Masken, den Schnelltests oder die Beschaffung der Impfstoffe geht in dieselbe Richtung. Es ist der Politik dringend anzuraten, sich multifunktional beraten zu lassen und die Beratung nicht auf dem Scheiterhaufen von persönlichen und parteipolitischen Eitelkeiten oder Machtinteressen zu opfern: Im Falle des Projektes Corona gehören zumindest Virologen, Epidemiologen, Projektmanager, Logistiker, Sozialwissenschaftler, Psychologen und Aritificial Intelligence/Data Science Spezialisten mit ins erweiterte Team. Es ist eine völlig irrige Annahme, die wir gerade in Unternehmensprojekten beginnen zu überwinden, dass Spezialisten nur in die operativen Einheiten gehören. Entscheidungen von großer Tragweite sind immer auch an das Spezialwissen der Experten gebunden. Im Agile Management weiss man, dass das „große Bild“ und die Details wirklich gut verbunden werden müssen. – Ja, dass die Details das „Große Bild“ oft massiv verändern und vice versa. Falls die Hybris „großer Bild“-Träger dies nicht zulässt, ist in chaotischen Projekten das selbstgemachte Chaos nicht weit. – Unlängst konnte ich im Spiegel lesen, dass die verschiedenen Chefs der Staatskanzleien „rund um die Uhr“ arbeiten [6]. – Jeder Projektmanager kennt dieses Muster, es kommt für kurze Zeit in jedem komplexen oder chaotischen Projekt vor; dauert es jedoch an, so ist dies kein Zeichen für Engagement mehr oder Projektnotwendigkeit, sondern für eine Reihe angehäufter Fehlentscheidungen, die eine immer größer werdende Lawine an ad hoc Aktivitäten notwendig machen: Wurden zum Beispiel Fehlentscheidungen bei der vertraglichen Reservierung von Impfstoffen getroffen, so erfordert dies ein Nachsteuern mit enormen Aufwand und zusätzlich sind diverse Stakeholder durch ein Meeting nach dem anderen zu beruhigen. Da das Nachsteuern wahrscheinlich nicht so funktioniert wie nachträglich gedacht, ergeben sich weitere Meetings mit noch mehr Aufwand usw.– Auch dies ist ein „universelles“ negatives Muster in Projekten. 

Kommen wir zur Projektorganisation: Für mich ist nicht erkennbar, dass es einen Projektleiter oder eine Projektleiterin (z.B. die Bundeskanzlerin, die durch einen Projektmanager unterstützt wird) gibt. Falls man die Länderchefs als Teilprojektleiter ansehen würde, so hätte man so etwas wie eine Projektorganisation. Aus dem Unternehmenskontext weiß man aber auch, dass Chefs, die gewohnt sind, die Linie zu führen, sehr selten auch gute Projektleiter oder Teilprojektleiter sind. Der Wert Macht und das Ego spielen meistens eine zu große Rolle. Hinzukommt, dass Teilprojektleiter mit zu großem Ego und Machtanspruch, gemeinsame Entscheidungen torpedieren und gemeinsam getroffene Entscheidungen untergraben. – Genau das passiert ja aktuell immer wieder im Projekt Corona. Dies ist pures Gift für die Krisenbewältigung. Denn diese nicht problembezogenen Strukturen und Persönlichkeiten binden viel Energie, die der eigentlichen Aufgabenstellung entzogen wird und es kommt noch ein zusätzlicher Aspekt hinzu: Die nicht problembezogenen Strukturen und Persönlichkeiten bringen zusätzliche Risiken und Unsicherheiten in das Projekt. Zum Beispiel führen die unterschiedlichen Aussagen und Maßnahmen zu einer Verwirrung unter den Stakeholdern, also den Bürgern der BRD. Jeder Projektleiter, der schon einmal ein Projekt mit hohem Transformationsanteil geleitet hat, weiß, dass viele unterschiedliche Meinungen und Maßnahmen, die sich teilweise sogar widersprechen, zuerst Verwirrung auslösen. Dauert dies an, so führt dies zu Unsicherheit und schließlich zu Angst. Angst verhindert jegliche Transformation. Meine These ist, dass die Politiker und diejenigen die sich im öffentlichen Raum immer wieder berufen fühlen, ihre Meinung kundzutun, über diesen Mechanismus unbewusst ganz erheblich zur Verbreitung der Verschwörungsideologien beitragen. Verschwörungsideologien sind bei Menschen, die Sicherheit und Struktur brauchen und sich durch einschränkende Maßnahmen in ihrer Freiheit bedroht fühlen, das Ventil, um diese Angst abzuleiten.
Falls in den Teilprojekten, also hier in den Ländern, unterschiedliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus durchgeführt werden, so erzeugt dies nicht nur diese mentale Verwirrung und schließlich Angst, sondern es ist fast unausweichlich, dass mit der unterschiedlichen Behandlung innerhalb der Teil-Systemgrenzen (also innerhalb der Länder) ein Schnittstellenmanagement notwendig wird. – Eine Notwendigkeit, die nichts mit dem Problem „Virus“ zu tun hat, sondern durch die vorhandenen Strukturen hervorgerufen wird. – Auch dies sind „universelle“ negative Muster in Projekten. 

Ein komplexes bzw. chaotisches Projekt zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass dessen Start fuzzy ist, der Weg zum Ziel fuzzy ist und das Ziel auch sehr lange fuzzy bleibt.  Jeder gute Projektleiter, jedes gute Projektteam, weiß dies und geht sehr sorgsam mit Prognosen um, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass morgen die Prognose schon veraltet ist. Um so schlimmer sind Prognosen mit konkreten, aber nicht validierten Aussagen bzw. Zahlen: Z.B. Morgen oder in 3 Monaten haben wir das Virus besiegt (oder nicht besiegt) oder bis Ende 2021 werden 100.000 Menschen gestorben sein oder wir brauchen nicht mehr als 10 Mio. Impfdosen usw.. Wir lieben einerseits die Genauigkeit und verbinde sie mit Professionalität, andererseits hassen wir sie, wenn die Aussagen nicht eintreffen. Denn dies führt zu einer weiteren Verunsicherung, Unsicherheit und Angst und damit in den Teufelskreis der mentalen Ausweglosigkeit. Es ist eine Metakompetenz der Projektführungskräfte, genau diese Zusammenhänge zu erkennen und ggf. das eigene Ego mal nicht zur Schau zu stellen. Oder vielleicht die eigene Angst nicht dadurch in den Griff bekommen zu wollen, dass Horrorszenarien geschürt werden, um eine Veränderung zu erzwingen, die wieder Ordnung und Kontrolle garantiert. Horrorszenarien führen vielleicht am Anfang zu Verhaltensänderungen, aber auf keinen Fall zu langfristigen Veränderungen und schon gar nicht, wenn sie quasi im Sekundentack von allen möglichen Experten in unterschiedlichsten Formen geäußert werden.  – Auch dies ist ein „universelles“ negatives Muster in Projekten.

Am Anfang des Blogs, in Zusammenhang mit dem Projektnamen, habe ich kurz erwähnt, dass Projekte Sinn brauchen: Dies gilt insbesondere für komplexe (Innovations- und Transformations-) Projekte mit vielen betroffenen Stakeholdern. Aus diesem Grund spielt die sogenannte Ziel-Hierarchie eine so enorme Rolle in solchen Projekten. – Im Idealfall konkretisiert die Ziel-Hierarchie vom „Big Picture“ zum Detail die emotionale Ladung, die dem Projektnamen (schon hoffentlich) anhaftet und dient auch als agiler „Plan“ für die Umsetzung. – OKR’s, Story Maps oder Collective Mind Ziel-Hierarchie sind Beispiele dafür. An dieser Ziel-Hierarchie richtet sich das Projektteam aus. Es sorgt u.a. auch dafür, dass Projektleiter, Teilprojektleiter und die anderen Stakeholder gemeinsam! einen kollektiven Sinn entwickeln und nicht mit unterschiedlichen Meinungen in ihre Teilprojekte gehen, um dort unterschiedliche Maßnahmen umzusetzen und diese unterschiedlichen Maßnahmen ohne Bezug zum übergeordneten kollektiven Sinn den Stakeholdern zu kommunizieren. Im (Projekt-) Management herrschte viele Jahrzehnte die Meinung, dass Ziele SMART (Spezifisch, Messbar, Akzeptiert, Realistisch und Testbar) sein sollten. Diese Aussage gilt nach wie vor, jedoch nicht auf oberster Ziel-Ebene, sondern auf der Ebene der detaillierten Ziele. Damit verbunden ist der Glaube, Projekte werden in erster Linie über Zahlen geführt. Zahlen dienen lediglich als sogenannte Kontrollparameter. Die bekannten Corona Kennzahlen sind also Kontrollparameter aber keine Ordnungsparameter, die Sinn vermitteln. Die Politik führt über diese Kennzahlen, und verwechselt die Steuerung über Kennzahlen mit der Führung über Sinn. – Auch dies ist ein „universelles“ negatives Muster in Projekten.     

Es gibt auch Kontrollparameter, die unmittelbar sehr viel mit dem Thema Metakompetenz zu tun haben. Als unlängst unser Außenminister Maas meinte, Geimpfte sollten andere Rechte (Lockerungen) bekommen, als Nicht-Geimpfte, hat er meines Erachtens die für einen Politiker diesen Rangs notwendige Metakompetenz deutlich vermissen lassen. Man siehe hierzu u.a. auch die Kommentare auf meta.tagesschau.de [7]. – Es ist erfreulich zu sehen, dass der Begriff „meta“ in den üblichen Sprachgebrauch überzugehen scheint. Man stelle sich einen Moment Mitarbeiter in einem Unternehmen vor: Die einen bekommen (nicht nachvollziehbar, eher willkürlich oder zufällig) einen besonderen Bleistift zugeteilt, andere erhalten diesen Bleistift nicht. Diejenigen, die den Wunderbleistift erhalten haben, dürfen jeden Tag eine Stunde früher Schluss machen. Das Ergebnisse wäre ein sozialer Riss, der durch die Belegschaft ginge.- Die soziale Kohäsion wäre damit vorbei. Und genau diesen Vorschlag hat unser Außenminister gemacht. Es stellt sich wirklich die Frage, wie groß muss die Ego-Not sein, damit man solche unverzeihlichen Führungsfehler macht.

Der zweite Teil des Blogtitels „von der Governance-freien Politik“ bringt zum Ausdruck, dass der Politik, die man oft unmittelbar mit dem Begriff „Governance“ verbindet, eine Governance für das Projekt Corona fehlt. Als schwerwiegende Indizien dienen die obigen „universellen“ negativen Muster.  Politik braucht Goverance, erst recht wenn es um ein Krisenprojekt (in der Krise) geht!      

Während ich diesen Blog-Beitrag schreibe (Do. 28.01.2021, 08:00-12.00 Uhr) kommt eine Hiobsbotschaft nach der anderen zum Projekt Corona rein.

 

[1] Wikipedia (2021) Corona (Antike), https://de.wikipedia.org/wiki/Corona_(Antike), zugegriffen am 28.01.2021

[2] Oswald A, Köhler J, Schmitt R (2017) Projektmanagement am Rande des Chaos, 2. Auflage, Springer, Heidelberg

[3] Schiller C, Hellmann T (2021) Corona deckt auf: Viele Staaten sind schlecht für die Zukunft vorbereitet, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2021/januar/corona-deckt-auf-viele-staaten-sind-schlecht-fuer-die-zukunft-vorbereitet, Bertelsmann Stiftung, zugegriffen am 28.01.2021

[4] Wikipedia (2021) Deepwater Horizon, https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon, zugegriffen am 28.01.2021

[5] Amtmann K (2021) Corona-Impfstoff in Bayern fahrlässig zerstört? Ministerium äußert sich zu scharfen Vorwürfen, https://www.merkur.de/bayern/impfstoff-corona-bayern-soeder-biontech-huml-campingboxen-panne-news-zr-90160295.html, Merkur 

[6] Gathmann F, Hagen K, Teevs C (2021) Die Entscheider im Hintergrund https://www.spiegel.de/politik/deutschland/staatskanzleichefs-in-der-corona-krise-die-entscheider-im-hintergrund-a-822feb44-569b-425c-b418-093ff6899d63, Spiegel, zugegriffen am 28.01.2021

[7] ARD (2021) https://meta.tagesschau.de/id/148079/corona-pandemie-maas-will-lockerungen-fuer-geimpfte, zugegriffen am 28.01.2021

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ oder „Viel Lärm um nichts“

Anfang Dezember 2020 wurde ich von youtube im Kanal „Sternstunde der Philosophie – SRF Kultur“ auf das Gespräch von Wolfram Eilenberger mit dem Philosophen Markus Gabriel aufmerksam gemacht [1]. Der reißerische Titel «Falsch: Alle Philosophien der letzten 2500 Jahre!» sprach mich direkt an, zumal ich ein paar Jahre vorher ein Buch von Gabriel auch mit einem reißerischen Titel „Warum Es Die Welt Nicht Gibt“ gelesen hatte und ich hierzu keine Erinnerung mehr abrufen konnte [2]. – Während des SRF Beitrages erfährt man, dass der offizielle Titel des Beitrages „Für einen neuen Existenzialismus“ lautet. – Ein Grund mehr mir den Beitrag anzusehen, da die intensive Beschäftigung mit dem Existenzialismus Camus’ und Sartres’ mich vor vielen Jahren sehr beeindruckt und auch wahrscheinlich geprägt hat [3].

Ich gehe in diesem Beitrag auf Aussagen aus dem Interview und dem Buch ein: Wie zu erwarten, betrachte ich beide mit meiner Brille zu den Themen Komplexität und Selbstorganisation. – Wir werden sehen, dass es einige Überschneidungen gibt, aber auch deutliche Unterschiede.

Der Titel dieses Blog-Beitrag besteht aus zwei Teilen:

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“, dies ist der Anker-Satz aus dem 100 Jahre alten genialen Werk „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein, auf den Gabriel sehr zentral referenziert [4]. – Man siehe auch die Anmerkung [0]

„Viel Lärm um nichts“ ist einerseits ein umgangssprachliches Bonmot und andererseits der deutsche Titel eines der Shakespeare Werke [5]. In diesem Werk Shakespeare‘s erzeugen Irrtümer viel Lärm, und der Lärm verschwindet, sobald diese sich aufgelöst haben. 

Das SRF-Gespräch dreht sich um drei, von Gabriel identifizierte Irrtümer: Diese Irrtümer sind nach Gabriels Meinung die größten globalen und seit langer Zeit in unterschiedlichen Ausprägungen vorkommenden Irrtümer bzw. Irrtumsfelder der Menschheit. Die bisherige 2500-jährige Philosophie habe erheblich zu diesen Irrtümern beigetragen. Der Anspruch von Gabriel ist, dass er diese Irrtümer nicht nur als solche erkannt hat, sondern auch eine neue Philosophie zur Verfügung stellt, um die Auswirkungen dieser Irrtümer jetzt zu heilen.

Diese Irrtümer sind gemäß [1]:

  1. Die gesamte Wirklichkeit ist physikalisch erfassbar und messbar. Es gibt nichts, was nicht physikalisch messbar ist. (Physikalismus)
  2. Unsere Gedanken, unser Geist sind emergente Phänomene unseres Gehirns. (Neurozentrismus, ergibt sich aus dem Materialismus)
  3. Es gibt keine objektiv feststehenden Wertmaßstäbe. (moralischer Nihilismus)

In seinem Buch [2] tauchen mindestens noch folgende Irrtümer auf:

  1. Alles Existierende ist materiell (Materialismus). Vereinfacht ausgedrückt: es gibt die Welt, und sie ist nur materiell. Damit direkt verbunden ist der Irrtum: das Universum ist das Ganze.
  2. „Die populäre Behauptung, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien löse möglicherweise einen Tornado in Texas aus, ist schlicht falsch. – Vieles hängt mit vielem zusammen, aber es ist falsch (genau genommen sogar unmöglich!) dass alles mit allem zusammenhängt.“
  3. „Der Konstruktivismus basiert auf der Annahme, dass es überhaupt keine Fakten, keine Tatsachen an sich gibt, dass wir vielmehr alle Tatsachen nur durch unsere vielfältigen Diskurse und wissenschaftlichen Methoden konstruieren.“ Vereinfacht ausgedrückt: es gibt die Welt (vielleicht), aber wir können sie nicht erkennen und jeder konstruiert sich seine Welt.

Dem setzt Gabriel folgende Konzepte als Lösungen entgegen:

  1. Neuer Realismus: „Der Neue Realismus geht vielmehr davon aus, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist.“ „Der Neue Realismus nimmt also an, dass Gedanken über Tatsachen mit demselben Recht existieren wie die Tatsachen, über die wir nachdenken.“
  2. Neues Weltbild: „Wir können niemals das Ganze erfassen. Es ist prinzipiell zu groß für jeden Gedanken.“ „Es gibt also viele kleine Welten, aber nicht die eine Welt, zu der sie alle gehören.“
  3. Die Welt gibt es nicht: „Die Welt ist weder die Gesamtheit aller Gegenstände oder Dinge noch die Gesamtheit der Tatsachen. Sie ist der Bereich aller Bereiche.“ „Die Welt ist das Sinnfeld [der Bereich] aller Sinnfelder [Bereiche], das Sinnfeld, in dem alle anderen Sinnfelder erscheinen.“ Die Welt existiert nicht, „weil, es kein Sinnfeld gibt, in dem [sie] erscheinen kann.“
  4. Neo-Existentialismus: „Existenz = Erscheinung in einem Sinnfeld.“ „Der Sinn ist dann die Art, wie ein Gegenstand erscheint.“

Die Auswirkungen der Irrtümer, also der vermeintlichen Wahrheitsströmungen, spüre ich oft sehr schnell, wenn ich mit Pädagogen, Soziologen oder Psychologen spreche, die in den 70-80er Jahren studiert haben. Falls sie erfahren, dass ich Physiker bin, wird mir oft sehr schnell unterstellt, dass ich alles mit Physik erklären wolle (Physikalismus) und lediglich beobachtbare materielle Dinge als wesentlich ansähe (Materialismus). Die Ausführungen werden flankiert von der unumstößlichen Wahrheit, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, bzw. geben kann und daher jede individuelle Perspektive gleich wahr sei (Konstruktivismus). In Konsequenz heißt dies, dass diese Perspektiven alle gleichberechtigt nebeneinander stehen bleiben müssten. – Daraus wird abgeleitet, dass nur so auch Wertschätzung gezeigt werden könne.

Mit diesem Verhalten verbunden ist auch oft die Sicht, es gäbe die Welt der Physiker, die sich mit dem Universum, den materiellen Dingen, beschäftigen und auf der ganz anderen Seite gäbe es die Welt der Soziologen, Psychologen, Pädagogen, die sich mit der Welt des Sozialen und Psychischen befassen. – Zwei Welten, völlig unvereinbar, so heißt es! U.a. führt dies dazu, dass die Selbstorganisationsprinzipien, die man in der Natur erkannt hat, so wird gesagt, keinesfalls auf das Soziale oder Psychische anwenden kann. Damit ist für meine Kollegen, die sich dieser Sicht anschließen der mentale Zugang zur Synergetik und deren Anwendung z.B. im Management 4.0 automatisch versperrt.    

Solche vermeintlichen Wahrheits-Strömungen wie den Materialismus oder den radikalen Konstruktivismus, an denen ja tatsächlich ein Funke oder vielleicht auch mehrere Funken Wahrheit anhaften, gibt es in der Menschheitsgeschichte sehr viele. – Kein Lebensbereich oder Wissenschaftsbereich ist frei von solchen temporären Wahrheits-Strömungen oder Irrtümern. – Lediglich kommt der eine Lebens- bzw. Wissenschaftsbereich besser damit zurecht als der andere. – Die Naturwissenschaften schaffen es meistens recht gut in Zeiträumen von ein bis zwei Jahrzehnten ihre Irrtümer aufzudecken; bei der Philosophie sprechen wir wahrscheinlich eher von Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden. Das hängt damit zusammen, dass die Philosophie im strengen Sinne nicht falsifizierbar ist und eigentlich (leider) immer erst durch die falsifizierbaren Wissenschaften, und dazu gehört nicht nur die Physik, revidiert bzw. erneuert wird. Deswegen spürt man in den Ausführungen von Gabriel so etwas wie ein Minderwertigkeitsgefühl (insbesondere im youtube Video), wenn er nämlich sagt, dass man der Philosophie (endlich wieder) den Platz geben soll, der ihr zusteht. Hierzu müsse die Philosophie einen Quantensprung machen, d.h. u.a. sie muss andere Wissenschaften integrieren, um eine integrierte Ontologie (Was es gibt – Was es nicht gibt) zur Verfügung zu stellen.

Wie ich oben schon ausführte, erfahre ich diese Irrtümer immer wieder in Diskussionen, und ich vermute auch, dass diese Irrtümer immer noch virulent in der Gesellschaft sind, und damit unser Handeln bzw. unsere Erkenntnisfähigkeit massiv behindern. – Das Unterfangen von Gabriel, diese Irrtümer als Irrtümer aufzudecken, ist sehr löblich!

Meines Erachtens unterliegt auch Gabriel den von ihm identifizierten Irrtümern.

Ich frage, ist es heute noch notwendig zwischen Universum und Welt in dieser Form zu unterscheiden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Wissenschaftler von Weltrang gibt, die nicht wissen bzw. nicht glauben, dass es mehr gibt als das, was wir als Materie identifizieren. – Wir wissen ja noch nicht einmal was Materie ist. – Wer sich etwas mit der Physik der letzten 100 Jahre beschäftigt hat, wird dies überall spüren. – Deshalb sollte es kaum Physiker von Weltrang geben, die wirklich an den Physikalismus oder Materialismus glauben. – Dass diese Glaubenssysteme nach wie vor in der Gesellschaft existieren, ist unbestreitbar, es sind aber Glaubenssysteme, die weniger von den Naturwissenschaften (heute) getragen werden, als von den Glaubenssystemen der Nicht-Naturwissenschaftlern über die Naturwissenschaft.- Glaubenssysteme entstehen durch unzulässige Vereinfachungen gepaart mit Nicht-kennen. Entsprechend ist der Irrtum „Neurozentrismus“ auch ein Irrtum, der so in den Neurowissenschaften meines Erachtens keine Basis hat.- Es wäre interessant, diese meine Aussage durch eine entsprechende Befragung unter allen Wissenschaftlern zu falsifizieren.

In verschiedenen Blogbeiträgen habe ich das Thema Emergenz angesprochen. Die zentrale Erkenntnis hierzu ist, dass wir nicht wissen, was Emergenz ist. Derzeit steht Emergenz einfach dafür, dass Systeme plötzlich unerwartete System-Eigenschaften zeigen, die wir uns nicht erklären können. – Wenn wir also nicht wissen, was Emergenz ist, wie kann Gabriel sinnvoll behaupten, dass Gedanken keine emergenten Phänomene unseres Gehirns sind. – Wir wissen einfach nicht, was unsere Gedanken sind. – Auch so ambitionierte Ideen wie die von Tononi und Koch haben meines Erachtens interessante Ansätze zum Thema Bewusstsein hervorgebracht, sind aber immer noch sehr weit von einem ersten wirklichen Verständnis entfernt [6]. – Gleichwohl müsste eine moderne Philosophie sich mit dieser Begriffswelt auseinandersetzen.

Beim Lesen oder Hören der Philosophie Gabriel’s mache ich sehr oft folgende Beobachtung: Es werden immer wieder Aussagen in den Raum gestellt, die an wesentlichen Stellen die Integration mit den anderen Wissenschaften oder Lebensbereichen vermissen lassen. Also, …wenn „Emergenz“ als ein Kriterium angeführt wird, dann ist es notwendig, dieses Kriterium sauber zu definieren. Falls man dieses nicht kann, sollte man dies sagen und im ungünstigsten Fall nicht als Kriterium verwenden. Dass es eventuell Personen gibt, die glauben, dass unsere Gedanken in unserem Gehirn verortet sind, kann doch nicht dazu führen, dass man dies den Neurowissenschaftlern anlastet. Wenn überhaupt, müsste man dieses zum Beispiel den Glaubenssystemen der Philosophie anlasten. – Und damit sind wir bei dem meines Erachtens richtigen Wunsch von Gabriel, dass die Philosophie eine integrative Rolle unter den Wissenschaften einnimmt. – Dies erfordert aber auch, dass die Philosophen mit gutem Beispiel voran gehen und versuchen das Nicht-Kennen zu minimieren.

In [1] behauptet Gabriel, dass es sehr wohl objektiv feststehende Wertmaßstäbe (eine Moral) gäbe. Im SRF-Gespräch konnte ich leider keine Begründung hierfür erkennen. Ich habe lediglich wahrgenommen, dass sich Behauptung an Behauptung reihte. Auch ich bin der Meinung, dass es aus heutiger Sicht, also mit unserem heutigen Bewusstsein betrachtet, sehr wohl diese „objektiv feststehenden Wertmaßstäbe“ gibt. Ich begründe diese Aussage mit der Konsistenztheorie der menschlichen Grundbedürfnisse und den Aussagen des Kultur- und Bewusstseinsmodells Spiral Dynamics [1]. Diese meine Schlussfolgerung mag nicht korrekt sein, etwas ähnlich Überprüfbares vermisse ich jedoch bei Gabriel.  

Ich möchte meinen Wunsch „Philosophen gehen mit gutem Beispiel voran“ noch an folgendem Irrtum eines Irrtums aus [2] erläutern: „Die populäre Behauptung, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien löse möglicherweise einen Tornado in Texas aus, ist schlicht falsch. – Vieles hängt mit vielem zusammen, aber es ist falsch (genau genommen sogar unmöglich!), dass alles mit allem zusammenhängt.“

Ich benutze diese populäre Aussage zum Schmetterlingseffekt sehr oft, um zu verdeutlichen was Komplexität bzw. Chaos ist, nämlich u.a., dass kleinste Veränderungen in einem komplexen System enorme Auswirkungen haben können. Ich weise daraufhin, dass die Aussage vom Flügelschlag eine Metapher mit Wahrheitsgehalt ist, nämlich in dem Sinne, dass die Wahrscheinlichkeit nicht null ist (wenn auch sehr sehr klein), dass ein Flügelschlag die Luftmoleküle in Brasilien bewegt und, dass falls die Atmosphäre zwischen Brasilien und Texas in einem „geeigneten“ Zustand ist, dann einen Tornado in Texas hervorruft. Dieser Metapher also das Prädikat „falsch“ zu geben, ist schlicht einfach nur „reißerisch“. Die nächste Aussage, dass nicht alles mit allem zusammenhängt ist jedoch fundamental, meines Erachtens so fundamental, dass sie zu den langjährigen Erkenntnissen der Komplexitätsforschung gehört: Selbstorganisation und Leben kann nur in mehr oder weniger abgeschlossenen Systemen entstehen. Diese Systeme sind mit ihrem Umfeld verbunden, jedoch nicht mit allen Elementen des Umfeldes. Man stelle sich vor, unser Leben würde unmittelbar von den Ereignissen eines 100 Lichtjahren entfernten Sterns abhängen, also Licht würde uns z.B. unmittelbar beeinflussen, ganz zu schweigen vom Licht der vielen anderen Sterne. – Man könnte vielleicht auf die Idee kommen, dass die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit genau hierin begründet liegt, nämlich dafür zu sorgen, dass nicht alles mit allem zusammenhängt. Oder, … ich stellte mir vor, mein Leben würde davon abhängen, welches Frühstück ein bestimmter Chinese (oder alle Chinesen) an einem bestimmten Tag (oder an allen Tagen) einnimmt… Deshalb spielen die sogenannten Rahmenparameter in der Selbstorganisation auch so eine große Rolle: Ein System, das mit allen anderen Systemen verbunden ist, wird maximal antiagil, es kann also keine Information und keine Energie mehr aufnehmen, es verhält sich so gesehen, wie ein System, das keinerlei Verbindungen hat. – Damit wäre Leben nicht mehr möglich. – In [7] zeige ich, wie die Veränderung der Qualität und Quantität der Verbindungen Selbstorganisation ermöglicht oder verhindert. Ich merke auch an, dass die Komplexität unseres Gehirns ganz wesentlich auf dieser „Modularisierung“ beruht und moderne Theorien zum Bewusstsein hiervon explizit Gebrauch machen [6].

An einem weiteren Beispiel möchte ich meine fundamentale Kritik zur Philosophie Gabriel‘s erläutern: Falls die Philosophie den Anspruch erhebt Wissenschaften (und ggf. Erkenntnisse anderer Lebensbereiche) zu integrieren, um eine zeitgemäße, in die Zukunft gerichtete Ontologie bereitzustellen, muss sie die verschiedenen wissenschaftsspezifischen Ontologien kennen, verstehen und gemeinsame Muster ableiten, um auf einer abstrakteren Ebene zu neuen ontologischen Erkenntnissen zu kommen.

Im Buch geht Gabriel auch auf das Thema „Gibt es einen Supergegenstand, eine Substanz, aus der alles andere abgeleitet wird, oder gibt es vielleicht mehrere?“ ein. Diese Fragestellung wird seit Jahrhunderten unter den Begriffen Monismus (eine Substanz, z.B. die Materie), Dualismus (zwei Substanzen, z.B. vielleicht Geist und Materie/Natur) oder Pluralismus in der Philosophie diskutiert. Gabriel gibt an, dass er eher ein Vertreter des Pluralismus ist. Warum und wieso er zu dieser Aussage kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Als Beispiel für den Pluralismus zitiert er die Monadentheorie von Leibniz; die Monaden sind Beispiele für den Pluralismus der Substanzen. Bei allem Respekt für unsere großen Denker, und hier insbesondere den genialen Leibniz, wäre es heute nicht eher angebracht sich Gedanken zu machen, was die verschiedenen Disziplinen zum Thema Substanz sagen, und hier insbesondere was ist Materie, Energie und Information, was unterscheidet lebende Materie von „nicht-lebender“ Materie und was unterscheidet Leben von bewusstem Leben, was ist Bewusstsein und gibt es überhaupt Unterschiede und wenn ja wo könnten diese Unterschiede liegen? Ich glaube, dass sich die Philosophie Gabriel’s diesen Fragen nicht wissenschaftsintegrativ stellt, wohlgemerkt integrativ bezogen auf die Wissenschaften des 21. Jahrhunderts. – Denn ich kann an keiner Stelle erkennen, dass er in seiner Philosophie auch nur ansatzweise auf die Ontologien der anderen Wissenschaftsbereiche zu sprechen kommt. Wie Gabriel selbst sagt, hat seine Philosophie damit ihre Daseinsberechtigung verwirkt.

Damit komme ich zum zentralen Aspekt der Philosophie Gabriels, dem oder den Sinnfeldern und dem Neo-Existentialismus.

„Sinnfelder, sind Bereiche, in denen etwas, bestimmte Gegenstände, auf eine bestimmte Art erscheinen.“ „Der Sinn ist dann die Art, wie ein Gegenstand erscheint.“

Ich nähere mich dem Thema Sinn bzw. Sinnfeld über das Verständnis im Management 4.0: In der Umgangssprache sprechen wir von: das gibt uns Sinn, das erscheint uns sinnvoll; Sinn, ist das, an dem wir uns selbst ausrichten; das gibt unserem Leben Sinn. Im Management 4.0 haben wir Sinn als Ordnungsparameter der sozialen Selbstorganisation identifiziert. Sinn ist etwas zutiefst Menschliches, d.h. Sinn gibt es nur mit/in psychischen oder sozialen Systemen. Erscheint ein Gegenstand mit/im Sinn, dann bildet der Gegenstand und das Individuum ein Sinnfeld, wir sprechen auch von einem emergenten Makrozustand. – Hier dürfte nach meinem bisherigen Kenntnisstand ein wesentlicher Unterschied zum Sinnfeldkonzept nach Gabriel liegen: Das Sinnfeld kreiert sich nach meinem Verständnis selbstorganisiert und damit selbstkonsistent in einem System, hierbei kann das System auch aus einem oder mehreren Dingen/Tatsachen/Gedanken/Fiktionen und einem Menschen bestehen. Wir (und Gabriel) sprechen hier sogar in Analogie zur Physik von einem Feld, das sich in einem System ausbildet (bitte nicht an Physikalismus denken!). In einem Team bildet sich das Sinnfeld im System Team aus, indem das Team einen gemeinsamen Ordnungsparameter ausbildet, den Sinn. Die Organisation, in der sich das Team befindet, bildet wiederum ein weiteres anderes Sinnfeld aus. Hieran kann man erkennen, dass es sehr viele ineinander verschachtelte und parallele Sinnfelder gibt. Damit Menschen Sinn ausbilden und erfassen können, müssen sie den Gegenstand oder Gegenstandsbereich erfassen können. Falls sie diese nicht erfassen können, bildet sich auch kein Sinnfeld aus. Wenn ich jetzt noch hingehe und das unfassbare Große mit der Welt identifiziere und versuche dieser ein Sinnfeld zuzuordnen, kann man sehr schnell nachvollziehen, dass dies nicht gelingt, nicht gelingen kann.- Unsere mentalen Kapazitäten sind dafür einfach nicht ausgelegt, also gibt es die Welt nicht. Oder anders ausgedrückt, sobald ich das Sinnfeld aller Sinnfelder dem Begriff „Die Welt“ zuordne, kommt man automatisch zur Aussage, dass es Die Welt nicht gibt. Das hat schon was „reißerisches“, oder?    

Der Neo-Existentialismus, sagt aus, dass die Menschen ein Leben im Licht ihrer Vorstellung von sich selbst und der Welt führen. Oder Schein ist Sein! Im Coaching und in der Therapie ist dies eine bekannte Erkenntnis, die man sich dort explizit zu Nutzen macht, um Sein zu „produzieren“: Erst dann, wenn der Coachee eine Vision/Fiktion, aber auch das Team, oder die Organisation eine gemeinsame Vision/Fiktion entwickelt haben, entwickelt sich das Sein, also die konkreten Handlungen. Wir sprechen im Management 4.0 davon, dass sich ein mentaler Ordnungsparameter ausgebildet hat, der zu einer realen Ordnung führt. Um den mentalen Ordnungsparameter hervorzurufen, verwenden wir die Ziel-Hierarchie, die sozusagen als Fiktion des (zukünftigen) Seins dem Sein, also dem Team, der Organisation eine Ausrichtung gibt. – Also, Management 4.0 ohne Sinnfelder macht keinen Sinn!

Der Begriff des Sinnfeldes und seiner Grenzen, kann man direkt mit einem sozialen Selbstorganisationskreis (SO-Kreis oder SO-circle) assoziieren. Da es unendlich viele SO-Kreise gibt, gibt es unendlich viele Sinnfelder und vice versa.

Existenz ist der Umstand, dass etwas in einem Sinnfeld erscheint. Falls wir die Gleichung „Existenz = Erscheinung/Vorkommen in einem Sinnfeld“ so verstehen, dass sie eine Selbstkonsistenzbedingung beschreibt, die sich über Selbstorganisation einstellt, so ist dies auch das Management 4.0 Verständnis.

Für mich ist das Sinnfeld keine fundamental neue Erkenntnis, sie begleitet mich und die meisten meiner Kollegen schon fast ein ganzes Berufsleben. Denn ohne Sinnfeld ist Coaching, Beratung und Führung einfach nicht möglich!  Was im Management 4.0  jedoch neu ist, das ist die Verbindung zur Komplexitätstheorie und zur Theorie der Selbstorganisation. – Und damit wird meines Erachtens eine ontologische Brücke zwischen völlig unterschiedlichen Sinnfeldern, nämlich der Komplexitäts- und Selbstorganisationsforschung und dem Management, geschlagen.

Ich komme zum Schluss:

Ich tue mich schwer zu glauben, dass es unter post-modernen Menschen mit entsprechenden transformationalen Werte-Memen (man siehe die vorherigen Blog-Beiträge zu value-Memen und Spiral Dynamics) Vertreter des hier beschriebenen Physikalismus, Konstruktivismus, Materialismus, Naturalismus oder Neurozentrismus gibt. – Denn dies entspricht einem Denken in Denkschulen und entspricht nicht einer vernetzten-systemisch-holistisch-transzendentalen Bewusstseinsstufe. – Und die Philosophie des 21. Jahrhunderts sollte diese Bewusstseinsstufe unterstützen und jegliches Denken in Denkschulen überwinden.  

Der Neue Realismus ergibt sich hieraus unmittelbar. – Es gibt keinerlei Indizien in der modernen Wissenschaft und in unseren täglichen Erfahrungen, die den radikalen! Konstruktivismus unterstützen.

Meines Erachtens wird Gabriel seinem eigenen Anspruch, nämlich eine integrative Ontologie vorzulegen nicht gerecht. – Hierzu ist eine viel bessere Auseinandersetzung mit den anderen Wissenschaften/Sinnfeldern und deren Ontologien nötig.

Das Konzept des Sinnfeldes macht Sinn, ist jedoch meines Erachtens in anderen (wissenschaftlichen) Sinnfeldern längst etabliert. Auch hier wäre es wichtig, diese Bereiche (Sinnfelder) in das philosophische Verständnis (Sinnfeld) zu integrieren und etwas wirklich ganzheitlich Neues zu kreieren.

„Warum es die Welt nicht gibt“ mutet eher reißerisch an. Das Sinnfeldkonzept schimmert meines Erachtens schon aus dem Konzept von Wittgenstein „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ hervor. – Falls man den Menschen (etwas) expliziter in das Konzept von Wittgenstein einführt und z.B. stattdessen formuliert „Unsere Welten sind alles, was Sinn macht.“ ist der Schimmer klar zu erkennen.

 

[0] Der „Tractatus logico-philosophicus“ ist übrigens als Satz-Hierarchie formuliert, einer speziellen Form einer Ziel-Hierarchie, also eines Ordnungsparameters, der ein Sinnfeld erzeugt bzw. erzeugen will.

 

[1] Gabriel M (2020) Für einen neuen Existenzialismus, «Falsch: Alle Philosophien der letzten 2500 Jahre!» | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur – YouTube, Markus Gabriel im Gespräch mit Wolfram Eilenberger

[2] Gabriel M (2013) Warum Es Die Welt Nicht Gibt, 3. Auflage, Ullstein Buchverlag, Berlin

[3] Wikipedia (2021) Existentialismus,  https://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus, aufgerufen am 02.01.2021

[4] Wittgenstein L (1963) Tractatus logico-philosophicus: Logisch-philosophische Abhandlung, edition suhrkamp

[5] Shakespeare W (2012) Viel Lärm um nichts, Zweisprachige Ausgabe, Deutsch von Frank Günther, 5. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München

[6] Tononi G (2020) Consciousness and the brain, https://www.youtube.com/results?search_query=integrierte+informationstheorie+tononi, zugegriffen am 07.01.2021

[7] Oswald A, Köhler J, Schmitt R. (2017) Projektmanagement am Rande des Chaos, 2. Auflage, Springer, Heidelberg

„Querdenker quergedacht“ oder von der Macht der Selbstorganisation

Das Phänomen der Querdenker, Verschwörungsideologen und Corona-Leugner wird vieler Orts diskutiert. Lesch [1], Scobel [2], Rezo [3] und Sahra Bosetti [4] sind einige der prominentesten Stimmen. – Die Stimmen dieser vier Menschen mögen für Werte, Glaubenssätze und Grundannahmen stehen, die man hier vielleicht mit den Begriffen Naturwissenschaft, Philosophie, intellektueller Pop-Journalismus und Satire assoziieren kann. – Also für Mem-Bereiche, die man nicht mit Querdenkern, Verschwörungsideologen oder Corona-Leugnern verbindet (zur Bedeutung von Memen verweise ich auf meine anderen Blog-Beitrag, u.a. [5, 6]). Ich habe diese Stimmen ausgewählt, weil der Überlapp mit deren Werten, Glaubenssätze und Grundannahmen, also mein Mem-Mapping mit ihnen, wahrscheinlich recht hoch sein dürfte.

Ich schließe mich diesen vier Stimmen an und bringe mit diesem Blog-Beitrag eine zusätzliche Perspektive ein, die ich „Querdenker quergedacht“ genannt habe.

Querdenken war bis vor Corona ein überaus positiver Begriff: Querdenker waren jene, die mit Hilfe einer queren Sicht auf ein Problem oder eine Situation völlig neue Erkenntnisse brachten, wohlgemerkt nachprüfbare Erkenntnisse. Sie haben Innovationen angestoßen oder Transformationen eingeleitet.  – Die neuen Querdenker, Verschwörungsideologen und Corona-Leugner werden jetzt eventuell sagen: „Genau, das tun wir auch“.

Der wahrscheinlich prominenteste Vertreter dieser neuen Querdenker-Richtung ist der noch amtierende amerikanische Präsident Donald Trump. Es ist ihm gelungen mit seiner Denkrichtung ca. 70 Millionen Menschen anzusprechen. – Eine wirklich beachtliche Leistung!

Barak Obama hat seinerseits ähnlich viele Menschen angesprochen; jedoch lediglich, ähnlich viele, (leider) nicht viel mehr! Obama spricht man Charisma zu. Warum eigentlich nicht auch Trump? Falls man die Wählerstimmen zugrunde legt, müsste man es! Offensichtlich kommt hier eine Wertung rein, es gibt offensichtlich eine gute Resonanz und eine schlechte Resonanz. Obama erzeugt eine gute Resonanz, Trump erzeugt eine schlechte Resonanz. Und der guten Resonanz spricht man Charisma zu. Dies klingt sehr nach guter Selbstorganisation und schlechter Selbstorganisation. Resonanz entsteht, meines Erachtens in diesem Kontext, wenn eine Person für eine Sache brennt, über ein sehr gutes Kommunikationstalent verfügt und vor allem ihre Meme zu den Memen einer sich bildenden Anhängerschaft passen, also: Diese Resonanz = persönliche Motivation*Kommunikationstalent*Mem-Mapping.

Kommunikationstalent hat sehr viel mit einer gezielten sprachlichen Vereinfachung und einer suggestiven bis hypnotischen Wirkung zu tun. Trump spricht man diese Vereinfachung gerne zu, diese gipfelt vor allem in dem Statement „Make America Great Again“. Auch Obama hat eine Vereinfachung von ähnlicher Sogkraft kreiert „Yes we can!“ In [7] haben wir dargelegt, dass diese sprachlichen Statements bewusst als ausrichtende, die potenzielle Anhängerschaft einende Kraft wirken. Falls zusätzliche suggestive Aussagen ein Mem-Mapping erzeugen, wachsen die sprachlichen Statements zu Ordnungsparametern heran. Trump geht hierbei, bewusst oder unbewusst – was letztendlich nicht relevant ist – sehr wirkungsvoll vor. Viele, auch ich, sehen Trump’s Wirkung negativ, Obama’s Wirkung sehen viele andere positiv, manche sprechen von Charisma.

Obama spricht gerade in seinen großen Reden stark das Unterbewusste an. Das dürften insbesondere diejenigen am wenigsten merken, die ein höheres Mem-Mapping mit ihm haben. Analysiert man seine Reden, wird man eine Sprachausrichtung feststellen, die der Sprache des genialen Meister der Hypnotherapie, Milton Erickson, sehr nahekommt. Trump wie Obama wirken auf ihre jeweilige Anhängerschaft charismatisch, in dem Sinne, dass beide in der Lage sind, nahezu gleich stark Resonanz zu erzeugen.

In der deutschen Geschichte haben wir leider mindestens ein sehr schreckliches Beispiel für Resonanz erfahren. Hitler war ein Meister der Resonanz seiner Zeit. Resonanz liegt nie generell vor, sondern ist immer in einen zeitlichen und räumlichen Kontext eingebunden. Hitler wäre ohne die damaligen vielen Deutschen, die mit ihm und seinen Gefolgsleuten in Resonanz getreten sind, nie so dämonisch stark geworden. Resonanz führt meistens zu einer speziellen Ausprägung von Selbstorganisation, der Synchronisation. – Die Nazis haben dafür sogar einen speziellen Begriff geprägt: die Gleichschaltung! Auch heute versuchen die Nazis und die vermeintlich legitime Variante, die AfD, mit ähnlichen Mitteln zu arbeiten.  

Resonanz ist eine Vorbedingung für Selbstorganisation, sie sorgt nämlich dafür, dass sich die Elemente eines Systems ausrichten. Dadurch gewinnt das System seine enorme Leistungsfähigkeit. Auch hier wieder: Selbstorganisation ist per se nicht gut oder böse, sondern Bedarf im sozialen und technischen Umfeld einer entsprechenden Ethik!

Beispiele für Ordnungsparameter habe ich in meinen Blog-Beiträgen sehr viele gegeben. Ich möchte hier ein weiteres Beispiel skizzieren, das die Nähe zum Thema Glaubenssysteme verdeutlicht. Als ich vor ein paar Jahren den Berg der Kreuze in Litauen besuchte [8], war ich völlig überwältigt. Die Bilder, die man macht und diejenigen, die man im Internet findet, können die enorme Dimension der Kreuze von Hunderttausenden oder gar Millionen nur ungenügend einfangen. Um die ersten Kreuzaufstellungen vor mehreren Hundert Jahren ranken sich wundersame Geschichten; heute ist es ein vom Papst persönlich gesegneter Wallfahrtsort. Die ordnende anziehende Dimension des Berges der Kreuze wird nochmals unterstrichen, wenn man die öffentlich zugängliche Kapelle des ca. 2 km entfernten, später erbauten Franziskanerklosters besucht. Das Hauptfenster der Kapelle ist wie ein Beobachtungsokular auf den Hügel der Kreuze ausgerichtet. Damit wird die ausgerichtete Kontemplation der Betenden auch durch die Raumgestaltung unterstrichen. Die Kraft dieser mentalen Ordnung wird heute sicherlich weitgehend durch eine entsprechende Ethik abgesichert, dies dürfte in der langen Geschichte der römischen Kirche jedoch nicht immer der Fall gewesen sein. – Jedoch lässt sich zweifelsohne die Langlebigkeit dieser Ordnung auch mit der prinzipiell zugrundeliegenden Ethik erklären.

Abbildung 1: Berg der Kreuze in Litauen [8]

Das nahezu täglich vom Fernsehen oder von der Presse beobachte Handeln der Querdenker, Verschwörungsideologen und Corona-Leugner lässt sich meines Erachtens gut verstehen, wenn man die bisher geschilderten Mechanismen der Selbstorganisation anwendet. Ich mache hierzu die Annahme, dass die entsprechenden Personen sehr stark ausgeprägte Mem-Strukturen haben, die durch purpur, rot und blau gekennzeichnet sind, eine eher wissenschaftliche Orientierung (orange) oder ein vernetztes Denken (gelb) fehlen nahezu völlig. Das Selbstwert- und Selbstschutz- Bedürfnis (rot) gepaart mit dem ausgeprägten Kontroll- und Orientierungs-Bedürfnis (blau) spielen eine sehr große Rolle. Treten Rahmenbedingungen ein, die die Befriedigung dieser beiden Bedürfnisse stark gefährden, so tritt das purpurne Mem, das Magische, zusätzlich in den Vordergrund. Es bildet sich eine Intuition aus, die leider durch keine rationale Basis in ihre Schranken verwiesen wird. Solche Rahmenbedingungen können Klimakatastrophe, Corona, Flüchtlinge oder ähnliche Bedrohungen sein. Kommen zusätzlich finanzielle existentielle Sorgen hinzu, so verstärkt dies den Rückgriff auf magische Mechanismen. Die Abneigung vor den „Oberen“, oder „Mächtigen“ gepaart mit Ängsten hervorgerufenen durch alte und scheinbar bewährte Erklärungen (u.a. Fremde, Juden) führen zu einfachen oder auch komplizierten Erklärungsmustern. – Die komplexen Erklärungen können sich auf Grund der Mem-Struktur nicht erschließen.

Sehr oft scheinen Mechanismen der Vereinfachung bei einigen wenigen zu beginnen: Mythische Erklärungsmuster vermitteln Halt und Sicherheit. Ist der Druck groß genug, also sind die passenden Rahmenparameter gegeben und wird das Feuer durch einige wenige weiter geschürt, also wirkt ein entsprechender Kontrollparameter, dann verbreiten sich einfache oder komplizierte Erklärungsmuster viral. Kommen dann auch noch emotional mitreißende Aussagen hinzu, die dem Allen einen (scheinbaren) Sinn geben, bildet sich ein Ordnungsparameter aus. Beispiele für (scheinbar) sinnstiftende Aussagen, sind das „Make America Great Again“ Statement oder der Verweis auf den notwendigen Freiheits-Kampf in Corona-Zeiten. All dies erzeugt Resonanz, die in sozialer Selbstorganisation mündet. Hierbei verstärken sich soziale Selbstorganisation und die individuelle mentale Selbstorganisation der einzelnen Querdenker, Verschwörungsideologen und Corona-Leugner gegenseitig. – Es kommt zu einer Stabilisierung im sozialen System und im individuellen psychischen System. Irgendwann sind die Menschen und das damit verbundene soziale System nicht mehr in der Lage „Fremd-Information“ aufzunehmen oder gar zu verarbeiten. – Die Fähigkeit neue emergente mentale Strukturen auszubilden kommt zum Erliegen. Oder anders ausgedrückt: Die Selbstorganisation hat sich in stabilen Strukturen festgesetzt; Offenheit für andersartige Informationen als die das System stabilisierenden Informationen sind zum Erliegen gekommen.

Dies hat gravierende Auswirkungen: Dieser Blog-Beitrag, aber auch die Beiträge von Lesch, Scobel, Rezo und Sahra Bosetti, werden wahrscheinlich nie einen Querdenker, Verschwörungsideologen und Corona-Leugner erreichen, geschweige denn zum Querdenken ihres Querdenkens bewegen. Die einzige Chance, die ich sehe, ist die Basis auszutrocknen: D.h. den Menschen, die „nur“ Mitlaufen, Sicherheit zurückzugeben, also ihr Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und ihr Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz zu befriedigen und denjenigen, die diese Menschen für ihre Zwecke ausnutzen, möglichst effektiv und effizient die Resonanzmöglichkeiten zu entziehen. Dies heißt, es ist notwendig, diese Form von Selbstorganisation durch eine entsprechend konsequente Governance zu unterbinden.             

[1] Lesch H (2020) Fake oder Fakt: Wie die Wahrheit unter die Räder kommt, ZDF, https://www.zdf.de/wissen/leschs-kosmos/fake-oder-fakt-wie-die-wahrheit-unter-die-raeder-kommt-100.html, zugegriffen am 10.12.2020

[2] Scobel G (2020) Corona-Demo: mit 6 Thesen philosophisch zerstört, https://www.youtube.com/watch?v=vYQV_NdWOro, zugegriffen am 10.12.2020

[3] Rezo (2020) https://www.youtube.com/watch?v=eoxxh2qNZj4, zugegriffen am 10.12.2020

[4] Sahra Bosetti  (2020) https://www1.wdr.de/unterhaltung/kabarett-und-comedy/weiterlachen/video-sarah-bosetti—die-wahre-verschwoerung–weiterlachen-100.html, WDR, zugegriffen am 10.12.2020

[5] Oswald A (2020) Cultural Entropy: Corona deckt unsere Werte auf!, https://agilemanagement40.com/cultural-entropy-corona-deckt-unsere-werte-auf, zugegriffen am 10.12.2020

[6] Oswald A (2020) Gesellschaftlicher Wandel – Sein oder Nichtsein? – Das ist hier die Frage!, https://agilemanagement40.com/gesellschaftlicher-wandel-sein-oder-nichtsein-das-ist-hier-die-frage, zugegriffen am 10.12.2020

[7] Oswald A, Müller W (2019) Management 4.0 – Handbook for Agile Practices, Release 3.0, BoD, Norderstedt

[8] Wikipedia (2020) Berg der Kreuze, https://de.wikipedia.org/wiki/Berg_der_Kreuze, zugegriffen am 10.12.2020

„System von Systemen“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

Die GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) berichtet gerade von einem erfolgreichen neuen Tarifabschluss für die AVG-Lokführer: Bis zum 01.01.2021 erhalten diese eine gestaffelte Lohnerhöhung von 4,1% [1]. Für die Lokführer der DB wurde der Einstieg in neue Verhandlungen mit 4,8% Lohnforderung bekannt gegeben [2]. Als Hintergrundinformation verweise ich auch auf die bemerkenswerte Grundsatzrede von Claus Weselsky [3].

Wir haben in den vorherigen Blog-Beiträgen gesehen, dass es nicht einen Markt gibt, sondern viele bzw. sehr viele Märkte, die mehr oder weniger ihr selbstorganisiertes „Eigenleben“ führen. Auf diesen Märkten bilden sich Preise als Ordnungsparameter (OP) aus und die Knappheit, also die Differenz von Angebot und Nachfrage, wirkt als Kontrollparameter.- Je nachdem wie groß die Knappheit ist, bildet sich ein entsprechender Preis aus, der jedoch nicht statisch ist, sondern dynamisch. – Sobald sich eine der beiden Seiten, Nachfrage oder Angebot, ändert, ändert sich im Normalfall auch der Preis. 

An dem Beispiel der Lokführer Lohnerhöhung erläutere ich einige Aspekte der Selbstorganisation für Lohn- bzw. Preis-Märkte [4]. Auch hier gilt, wie für die vorherigen Blog-Beiträge auch, dass es nicht der Anspruch sein kann, professionell Ökonomie zu betreiben. Sondern es geht darum, mit der Perspektive der Selbstorganisation (SO) auf Märkte, zu erkennen, dass die Prinzipien der Selbstorganisation, die für die neue (postmoderne) Arbeitswelt sowie deren (Projekt) Management gültig sind, auch für die Ökonomie, Politik und Gesellschaft gelten.

Abbildung 1 zeigt den sogenannten Verbraucherpreisindex: Mit Referenz auf das Jahr 2015 (100%) sind die Verbraucherpreise eines standardisierten Warenkorbes auf 6.2 % bis zum QII 2020 gestiegen [5].

Abbildung 1: Verbraucherpreisindex [5]

Auf der Basis des Verbraucherpreisindex und des sogenannten Nominalpreisindex lässt sich der Reallohnindex ermitteln: Reallohnindex = Nominallohnindex/Verbraucherpreisindex. Der Reallohnindex ist ein Maß für die Kaufkraft, die mit der nominellen Lohnerhöhung verbunden ist. Gemäß dem Preiskaleidoskop gehen z.B. die Aufwendungen für die Mobilität (Verkehr) mit 12,9% in den Verbraucherpreisindex ein [6]. Der Nominallohnindex ist in der Zeit von 2015 bis QII 2020 um ca. 5% bis ca. 13 % gestiegen, je nach Lohnbereich [7].

Genau dies ist der Kontext, indem die GDL ihre Forderungen nach Lohnerhöhung stellt. Weselsky drückt das Ziel mit den Worten „Gleicher (fairer) Lohn für gleiche Arbeit aus.“ – Das ist einer der wichtigsten Glaubenssätze, oder besser gesagt Prinzipien, nach denen er offensichtlich handelt [3]. Hierbei sollte man wissen, dass das höchste Lokführergehalt leicht unterhalb des sogenannten mittleren Bruttolohns in Deutschland liegt (ca. 48 T€/Jahr in 2019) [8]. – Was schon sehr verwundert! – Zusätzlich wird angestrebt die Steigerung des nominellen Bruttogehaltes an die Steigerung des Verbraucherpreisindex anzupassen, damit der Lohn, der die Kaufkraft widerspiegelt, also der Reallohn, erhalten bleibt.      

Die sogenannten Ökonomieschulen der Neoklassiker und der Keynesianer haben unterschiedliche Erwartungshaltung an Lohnverhandlungen, ganz ähnlich wie die Arbeitgeber und Arbeitnehmer (Schulen sind Communities mit unterschiedlichen ökonomischen Glaubenssätzen):

  • Ein Neoklassiker bzw. Neoliberaler ist (wahrscheinlich) ein Befürworter möglichst geringer Nominallohnanpassung. Da Unternehmen ein marktwirtschaftliches Risiko tragen, müssen sie ihre Kosten, also auch die Nominallohnkosten, geringhalten. Außerdem sorgt der Markt auch im Nominallohnbereich automatisch für ein Gleichgewicht: Es wird automatisch das bezahlt, was der Markt über Selbstorganisation als Gleichgewichtslohn ermittelt. Deshalb ist Lohnzurückhaltung für die Tarifpartei „Gewerkschaft“ geboten.
  • Ein Keynesianer würde wahrscheinlich dagegenhalten, dass die Arbeit bzw. die Gewerkschaften keinen Einfluss auf den Reallohn, sondern nur auf den Nominallohn haben. Da Lohnempfänger einerseits angemessen am Produktivitätszuwachs des Unternehmens beteiligt werden sollten und auch einen fairen und für einen guten Lebensunterhalt notwendigen Lohn erhalten sollten, ist der Nominallohn anzupassen, spätestens dann, wenn der Reallohn sinkt.

Das Problem bei dieser Fragestellung ist, „Wer hat Recht“ und gibt es tatsächlich ein „Rechthaben“ in jedem Kontext. – Management 4.0 geht von der Grundannahme aus, dass es dies nicht geben kann, also Ökonomieschulen per se keinen Sinn machen, da sie mehr oder weniger „immer“ eine notwendige Glaubenssatzbetrachtung und damit verbunden eine Kontextbetrachtung nicht oder ungenügend durchführen.

Die Betrachtung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass z.B. der Verbraucherpreisindex, als ein „kalkulierter“ Ordnungsparameter im Nachhinein (ex-post) vom Statistischen Bundesamt bestimmt wird. Eine Gewerkschaft streitet jedoch immer im Vorhinein (ex-ante) für einen Nominallohn. Und das Unternehmen muss eine evtl. vorhandene Nominalpreiserhöhung irgendwie so „verdauen“, dass es wettbewerbsfähig bleibt. Nominallohn, Preisindex und Reallohn stehen in einem permanenten zyklischen Rückkopplungsprozess.  

Abbildung 2 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen ex-post Berechnungen und ex-ante Verhandlungen.

Abbildung 2: Ex-ante Verhandlungen und ex-post Berechnungen

Auf dieser Basis lässt sich der Ausschnitt eines Systems von selbstorganisierten Markt-Systemen skizzieren. Abbildung 3 zeigt die Gesellschaft in einer der üblichen Darstellungen für selbstorganisierte Systeme, nämlich als SO-Kreise. Hier nutzen wir schon die Tatsache aus, dass jedes System als selbstorganisiertes System betrachtet werden kann, lediglich die Anzahl an Freiheitsgraden und damit die Fähigkeit Emergenz zu zeigen, unterscheidet sich. 

Abbildung 3: System von Systemen als selbstorganisierte Kreise

Abbildung 3 zeigt im Wesentlichen zwei selbstorganisierte Kreise (Märkte): Den Verbrauchermarkt und den Arbeitsmarkt. Der Verbrauchermarkt enthält viele Sub-Märkte, d.h. verschiedene Angebot-Nachfrage-Märkte, die über Rückkopplungen, hier dargestellt als grüne Pfeile, Preise als Ordnungsparameter (OP) ausbilden. Ideale Märkte, die sich über einen optimalen Wettbewerb auszeichnen, sind nicht notwendig, damit sich OP’s ausbilden. Im SO-Kreis Arbeitsmarkt habe ich im Wesentlichen den Markt bestehend aus der GDL, die das Angebot „Arbeitskraft Lokführer“ vertritt und verschiedene Unternehmen, die als Nachfrager für die „Arbeitsleistung Lokführer“ auftreten, skizziert: Es bilden sich selbstorganisiert Löhne als Ordnungsparameter heraus. Die GDL vertritt in ca. 45 Unternehmen die Lokführer als Tarifpartner der Unternehmen. Hier liegt in keinem Fall ein idealer Wettbewerb vor. Claus Weselsky ist besonders stolz darauf, dass er feststellen kann: „Der Wettbewerb über die Lohnkosten existiert nicht.“. Diese Aussage spiegelt eine tiefe Überzeugung bezüglich des Wertes menschlicher Arbeit wider: Menschliche Arbeit und deren Entlohnung sollte den Menschen erlauben in Würde ein von existentiellen Sorgen befreites Leben zu führen. Aus diesem Grunde hat die GDL als Tarifpartner vieler Bahnunternehmen einen Weg gefunden, um den Unternehmenswettbewerb von dem Lohnwettbewerb weitgehend abzukoppeln. Im Management 4.0 entspricht dies dem Satz „Management 4.0 sorgt für eine an den Grundbedürfnissen der Menschen orientierte Selbstorganisation und Führung!“ – Es ist die postmoderne Aussage, dass Wettbewerb im Lohnmarkt kein Mittel ist, um Leben in Würde sicherzustellen.

Auf der Basis von Abbildung 3 lassen sich die Aussagen der Ökonomieschulen wie folgt formulieren:

  • Neo-Klassik: Mit dem OP des Arbeitsmarktes wird der OP des Verbrauchermarktes beeinflusst. Dies treibt eine Preisspirale an, außerdem müssen die Lohnerhöhungen vom Unternehmen verkraftet werden. Also ist Lohnzurückhaltung geboten.
  • Keysianer: Mit dem OP des Arbeitsmarktes wird der OP des Verbrauchermarktes, wahrscheinlich nicht beeinflusst. Es kommt also nicht zwingend zu einer Preisspirale, außerdem sind die Arbeitskräfte am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen. Lohnzurückhaltung ist also nicht geboten.

Die Aussage, dass Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren, verliert automatisch an Relevanz, wenn allgemein Lohn aus einem (oft machtverzerrten) Wettbewerb genommen wird. – Eine Unternehmensleistung, die lediglich über Niedriglohn bestehen kann, macht keinen Sinn für die Menschen, die davon leben sollen. Unter dieser Grundannahme diskutiere ich damit lediglich den Aspekt der Kopplung des selbstorganisierten Verbrauchermarktes und des Arbeitsmarktes über Preis- und Lohnindizes.

In beiden stereotypen Aussagen der Ökonomieschulen betrachte ich den Verbraucherpreisindex, den Nominalpreisindex und den Realpreisindex als kalkulierte Ordnungsparameter, die für die Kopplung des selbstorganisierten Verbrauchermarktes und des selbstorganisierten Arbeitsmarktes sorgen. – Also auch zwischen diesen SO-Kreisen liegt eine Rückkopplung vor, hier wieder graphisch verdeutlicht durch die grünen Pfeile.

Es ergeben sich folgende mögliche Kopplungen:

Die unmittelbare Kopplung: Dies ist der Ansatz der Neo-Klassik. Die Ergebnisse der Verhandlungen zum Nominallohn beeinflussen unmittelbar den Verbrauchermarkt. Diese unmittelbare Kopplung könnte nur eintreten, falls das Kaufverhalten der Lokführer direkt einen messbaren Einfluss auf den Verbrauchermarkt hätte. – Dies erscheint in unserem gesellschaftlichen Kontext unwahrscheinlich. – In einem anderen Kontext könnte es aber Lohngruppen geben, die aufgrund ihres Verhaltens oder der schieren Anzahl einen großen Einfluss haben.

Die mittelbare Kopplung: Aufgrund der Leuchtturmwirkung der Lokführer-Verhandlungen erzeugt diese eine Signalwirkung für andere Tarifbereiche. Die wiederum „erzwingen“ ähnlich große oder größere Lohnerhöhungen und dies würde wiederum zu einer Veränderung im Verhalten führen.- Z.B. würde auf Grund des höheren Einkommens mehr Bananen gegessen werden und/oder mehr Auto gefahren werden. Prinzipiell ist solch ein Kontext vorstellbar, die Veränderung dürfte sich jedoch nur langsam und kontinuierlich bemerkbar machen, da der Ordnungsparameter „Preise“ nur langsam über das Verhalten verändert wird.

Die chaotische Kopplung: Das gesamte gesellschaftliche System befände sich in einem Zustand der Instabilität: Kleinste Änderungen im Arbeitsmarkt hätten große oder sogar katastrophale Folgen im Bereich der Verbrauchermärkte. Dies erscheint derzeit unwahrscheinlich.

Prinzipiell lassen sich alle drei Kopplungen vermessen, in dem über statistische Auswertungen Aussagen zu Korrelationen und Chaos ermittelt werden [9].

Zusammenfassend stelle ich fest: Solange sich die Lohnforderungen an dem Verbraucherpreisindex ex-ante orientieren, ist aus diesen Betrachtungen zur Selbstorganisation nicht ableitbar, dass durch Lohnforderungen Nachteile für das System der Märkte entstehen.

 

[1] GDL Pressemitteilung (2020) Tarifrunde abgeschlossen, GDL und AVG beschließen trotz Corona-Krise attraktives Gesamtpaket für Beschäftigte. https://www.gdl.de/Aktuell-2020/Pressemitteilung-1598361781, zugegriffen am 30.10.2020

[2] GDL Pressemitteilung (2020) DB-Tarifabschluss, Mehr Entgelt, höhere Zulagen und das Recht auf echte Freizeit!, https://www.gdl.de/Aktuell-2019/Aushang-1546622281, zugegriffen am 30.10.2020

[3] GDL (2020) Grundsatzrede von Claus Weselsky, https://www.gdl.de/Aktuell-2020/Podcast-1599486436, zugegriffen am 30.10.2020

[4] Norbert Schaffitzel (2020) Verschiedene wertvolle Anregungen meines Kollegen Norbert Schaffitzel aus der GPM Fachgruppe Agile Management  

[5] Statistisches Bundesamt (2020) Verbraucherpreisindex gesamt https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Preismonitor/Preismonitor.html, zugegriffen am 30.10.2020

[6] Statistisches Bundesamt (2020) Preiskaleidoskop https://service.destatis.de/Voronoi/PreisKaleidoskop.svg, zugegriffen am 30.10.2020

[7] Statistisches Bundesamt (2020) Nominallohnindex, https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/post-kurier-expressdienste/_Grafik/_Interaktiv/reallohnindex.html, zugegriffen am 17.11.2020

[8] Lokführergehalt (2020) https://www.mystipendium.de/berufe/lokfuehrer/gehalt#:~:text=Das%20durchschnittliche%20Lokf%C3%BChrer-Gehalt%20eines%20Lokf%C3%BChrers%20bei%20der%20Deutschen,Lokf%C3%BChrer-Gehalt%20von%20rund%203458%20Euro%20brutto%20im%20Monat, zugegriffen am 04.11.2020

[9] Strunk Guido (2019) leben wir in einer immer komplexer werdenden Welt? – Methoden der Komplexitätsmessung für die Wirtschaftswissenschaften, Complexity-Research, Forschung&Lehre Verlag, Wien

 

 

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ steht verkürzt für die sogenannte Katallaxie, ein Konzept der Selbstorganisation des Marktes. Dieses Konzept geht im Wesentlichen auf den Ökonomie-Nobelpreisträgers F. A. von Hayek [1] zurück. Von Hayek hat seine Ideen zur „Ökonomie einer freien menschlichen Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von komplexen ökonomischen Problemstellungen“ in den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entwickelt, zu einer Zeit als die Komplexitätsforschung erblühte und naturwissenschaftliche Theorien zur Selbstorganisation immer mehr an Bedeutung gewannen. Leider fanden die Ergebnisse dieser Komplexitätsforschung keinen direkten Eingang in das Hayek’sche Konzept. – Und selbst ca. 30-40 Jahre später gab es in der Dissertation von Dötsch [2] noch keinen Brückenschlag zwischen Sozial- und Naturwissenschaft.

In der Tabelle 1, der Übersicht wegen am Ende des Blogbeitrages, habe ich das Konzept der Katallaxie auf der Basis von [2] mit den Mittel der Synergetik zusammengefasst. Die Tabelle enthält gemäß [2] auch einige zentrale Vorschläge zur Behebung bzw. Korrektur des Hayek’schen Markt-Selbstorganisations-Verständnisse sowie zum Vergleich einige zentrale Aussagen des Management 4.0 Konzept (M 4.0). – Die Behebungen bzw. Korrekturen aus [2] treffen meines Erachtens den Kern der „Unzulänglichkeiten“ im Hayek’schen Selbstorganisations-Verständnisse, jedoch fehlt der Brückenschlag zu den universellen und modernen Konzepten der Selbstorganisation [3], [4], [5].

Die Beschäftigung mit den ökonomischen Selbstorganisations-Konzepten des Marktes ist deshalb so enorm wichtig, weil diese unser aller Verständnis von Markt, Wirtschaft und letztendlich auch unserer Gesellschaft enorm prägen. Am SO Verständnis scheiden sich die ökonomischen Geister: Die Befürworter der im Wesentlichen unregulierten SO werden als Neoklassiker oder Neoliberale und die Gegner einer unregulierten SO als Keynesianer oder gar als Sozialisten und Kommunisten stigmatisiert. Wie in den vorherigen Blog-Beiträgen skizziert, beruht diese gegenseitige Stigmatisierung auf Glaubenssätzen, die teilweise Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreichen und auf einem mehr oder weniger guten Verständnis der Theorien der Ökonomiegrößen. Hayek ist eine solche Ökonomiegröße. Es wäre vermessen alle Aspekte seines SO Verständnisse vollständig verstehen und referieren zu wollen, ich glaube jedoch, dass man im Licht der modernen SO-Theorien einen sehr guten Zugang zu den herrschenden ökonomischen Glaubenssätzen bekommt und damit Handwerkszeug für eine notwendige gesellschaftliche Transformation erhält.

Hayek sieht den Wettbewerb „Einen Feind in einen Freund verwandeln“ als „Enabler“ oder wie wir im M 4.0 sagen, als Kontrollparameter der Markt-Selbstorganisation. Wettbewerb ist bei ihm durchweg positiv belegt. Falls die Markt-Regeln eingehalten werden, können sich nach Hayek negative Auswirkungen kaum einstellen. Man beachte, dass Hayek also sehr wohl schon das Eingreifen in den Markt über Regeln und ein Set an Institutionen kennt. – Ein Umstand, der wahrscheinlich vielen (unbewussten) Anhängern der Hayek’schen Ansätze nicht bekannt sein dürfte und der nach wie vor zur Polarisierung zwischen sogenannten Ökonomieschulen führt. – Die integrierende Kraft eines rationalen Selbstorganisations-Verständnisses, ohne behindernde Glaubenssätze, ist in der Ökonomie nach meiner bisherigen Kenntnis wenig verbreitet.

Man beachte, der Markt verliert auch gemäß Hayek aufgrund seiner Markt-Regeln nicht zwangsläufig seine SO! – Die Hayek’schen Markt-Regeln sind eine „einfache“ Form einer SO-Governance.

Seit der Erfindung des LASERs gehört das gezielte Steuern von SO zum Handwerkszeug von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. – Inzwischen hat sich auch eine neue Forschungsrichtung unter dem Begriff „Guided Self-Organization“ etabliert, die gerade für die Bereiche Künstliche Intelligenz und Robotik immer mehr an Bedeutung gewinnt [5].

Die Führung der Selbstorganisation durch Governance ist das zentrale Werkzeug der Agilen Führung 4.0. Ein Mittel dieser Führung 4.0 ist die regulierte Interaktion bzw. Kommunikation, einen Wettbewerb an Ideen, der durch gegenseitigen Respekt und Wertschätzung reguliert wird.- Deswegen ist es auch verständlich, dass in [2] auf eine „Korrektur“ durch Humberto Maturana hingewiesen wird. Maturana kritisiert den „Wettbewerb“ als entscheidenden Stabilisator des Marktes und verweist stattdessen auf die Liebe als Stabilisator. Im M 4.0 sprechen wir von einer Kommunikation, in der die Persönlichkeit des „Anderen“ über den Austausch von Ideen und Waren wertgeschätzt wird; also einer Liebe, die gleichermaßen Mensch, Tier und Natur als die „Anderen“ einschließt. Diese wertschätzende Form des Austausches ist im Management 4.0 der entscheidende Kontrollparameter der Selbstorganisation. Die SO im M 4.0 Konzept ist also auf Kooperation bzw. Kollaboration ausgelegt, wohingegen die SO im Hayek’schen Sinne kompetitiv angelegt ist.

Das Hayek’sche System „Markt“ kennt nicht wirklich eine Umwelt. Wie in der Systemtheorie sonst üblich, kennt das Hayek’sche Konzept damit das System-bildendende Verhältnis von System und Umwelt nicht. Spätestens seit Ashby gehört jedoch die Regulation der System-Komplexität als „Antwort“ auf die Komplexität der Umwelt zur Adaptionsfähigkeit eines Systems.- In den Naturwissenschaften ist dieser Austausch mit dem Begriff der Entropie bzw. des Entropieaustausches verbunden. Die Selbstorganisation des Marktes hängt also wesentlich mit dessen Fähigkeit zur Regulation von Komplexität zusammen. –  Andere sprechen meines Erachtens fälschlicher Weise von der „Reduktion von Komplexität“, statt von der „Regulation von Komplexität“. Gerade aktuell treffen wir leider wieder sehr oft auf Vertreter der „Reduktion von Komplexität“: Trump, Johnson, Orban, Verschwörungsideologen, AfD und Nazi’s aber auch einzelne Vertreter der Wirtschaft wie Tönnies oder Wirecard reduzieren die Komplexität unseres Seins, um es für sich nutzbar zu machen, ggf. auch unter Verletzung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. – Die „Reduktion von Komplexität“ durch vermeintliche Führungskräfte im Angesicht einer komplexen Umwelt ist ein sehr klares Indiz für eine wertvernichtende (Selbst-) Führung.

Dahinter verbirgt sich auch der Glaubenssatz „der Markt ist (nahezu) Alles“. Dies trägt auch dazu bei, dass die Fehlentwicklungen des Marktes nicht gesehen werden können. Die Fehlentwicklungen eines gesellschaftlichen Subsystems, wie diejenigen des Marktes, werden erst sichtbar, wenn man sie im Lichte eines größeren Ganzen betrachtet: Tönnies, der seine Welt auf seinen Markt reduziert, wird die damit verbundenen Fehlentwicklungen nicht erkennen; die Manager der Autoindustrie, die ihre Welt auf das Auto reduzieren, werden den Schaden, den Sie eventuell für Generationen anrichten, nicht erkennen.- Diese Reduktion ist sogar vielmehr notwendig, um in der so geschaffenen reduzieren Welt handlungsfähig zu bleiben.

Das Hayek’schen Konzept erkennt zwar viele „richtige“ Bestandteile und Wirkzusammenhänge der Selbstorganisation, jedoch fehlt die klare Ausgestaltung von Rahmenparametern und Kontrollparametern, d.h. der Bedeutung von System-Umwelt, der Regulation von Komplexität und der entsprechenden Relativierung der Bedeutung des Wettbewerbs. Was auch fehlt ist das Erkennen von Ordnungsparametern oder Attraktoren als Ordnung hervorrufender Bestandteil der SO. Preise werden zwar als Ordnung schaffende Makro-Ergebnisse eingeführt, wobei jedoch eher die Knappheit eines Gutes über die Preisbildung als ordnungsschaffend angesehen wird. Knappheit oder das Bedürfnis nach der Überwindung von Knappheit ist meines Erachtens ein Kontrollparameter, der auch manchmal gezielt von Produktanbietern eingesetzt wird, um die Nachfrage und die Preise anzukurbeln. Ordnungsparameter sind Parameter, die sich zeitlich in größeren Zeithorizonten verändern, sogenannte „slow variables“, sie ordnen das Verhalten von sogenannten „fast variables“. In [3] wurde gezeigt, dass man ökonomische Theorien nach den in der Theorie ausgewählten Ordnungsparametern („slow variables“) charakterisieren kann. – In allen dort aufgeführten Theorien wird die Technologie als die langsamste der veränderlichen Größen angesehen. – Die Technologie ist also ein dominanter Ordnungsparameter.- Am Beispiel der deutschen Autoindustrie kann man erkennen wie das Festhalten am Verbrennungsmotor, das Denken dieser Industrie dominiert. Gemäß [3], kann man die Theorienschulen in den mathematischen Modellen, die vereinfachend nur wenige Systemparameter enthalten, nach den verwendeten Ordnungsparametern unterscheiden: Zum Beispiel favorisiert die Theorieschule nach Keynes Gehälter (und Preise) als Ordnungsparameter; die Neoklassik favorisiert Kapital (und Arbeit) als Ordnungsparameter. – Die Synergetik kann also einen Brückenschlag zwischen Theorienschulen liefern, in dem die Auswahl der Systemparameter (Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparameter) zur Beschreibung von ökonomischen Mustern sich am jeweiligen gesellschaftlichen Kontext orientiert und nicht am Glaubenssatz!

Die Verwendung von Ziel-Hierarchien (z.B. Collective Mind Informationshierarchie, Story Map oder OKR) nutzt genau diese Erkenntnis: Ziele auf oberster Ebene (u.a. Vision/Mission) verändern sich langsamer bzw. sollen sich langsamer verändern als untergeordnete Ziele (u.a. SMARTe Ziele). Ziele mit langsamer zeitlicher Veränderung dienen als Anker für die untergeordneten Ziele mit schnellerer zeitlicher Veränderung, sie sind Sinn-Geber! Und genau hier setzt die Kritik von Niklas Luhmann an: Preise sind zwar untergeordnete Ordnungsparameter, jedoch können sie keinen Sinn erzeugen. Sie sind allenfalls in ihrer untergeordneten Rolle Ausdruck eines übergeordneten Sinns. Knappheit ist auf keinen Fall ein Sinn-Geber, allenfalls ist die Auflösung von Knappheit, wie oben schon gesagt, ein Kontrollparameter. Man kann hier wiedererkennen, dass wesentliche SO-Wirkmechanismen in dem Hayek’schen SO-Verständnis nicht enthalten sind. Auch wenn Hayek die Integration von individuellen Zielen durch den Marktmechanismus thematisiert, so lässt sich auch hier die Wirkung des Glaubenssatzes „der Markt ist (nahezu) Alles“ wiedererkennen.

Im Lichte aktueller Entwicklungen (Klima, Corona und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen u.a. wie Tönnies und Dieselskandal) und der bisherigen Blogbeiträge zur Selbstorganisation des Marktes ergibt sich die klare Erkenntnis:

Der Markt kann seine innovative Kraft auch zeigen, wenn er als selbstorganisiertes System mittels Governance in ein übergeordnetes gesellschaftliches System eingebettet ist.

Das übergeordnete gesellschaftliche System liefert den Sinn (d.h. die obersten Ordnungsparameter) für das Subsystem Markt. – Markt allein macht keinen Sinn und damit auch keine sinnvolle Ordnung! 

[1] Wikipedia (2020) Friedrich August von Hayek,  https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek, zugegriffen am 04.10.2020

[2] Dötsch Jörg (2012) Wettbewerbliche Ordnung als fragiles System, Systemtheoretische Überlegungen zum Ansatz Friedrich August von Hayeks, Dissertation Universität Bayreuth

[3] Zhang Wei-Bin (1991) Synergetic Economics – Time and Change in Non-linear Economics, Springer

[4] Liening Andreas (2017) Komplexität und Entrepreneurship: Komplexitätsforschung sowie Implikationen auf Entrepreneurship-Prozesse, Springer Gabler, Kindle Ausgabe

[5] Prokopenko Mikhail (Editor) (2014) Guided Self-Organization: Inception, Springer

 

Rahmen-
parameter
Kontroll-
parameter
Ordnungs-
parameter
Makro-
Struktur
HayekFehlt: Regulation von Komplexität in einem Netzwerk von gestaffelten System-Umfeld-Beziehungen
Fehlt: Einbettung in ein SO-horizontales-vertikales Umfeld
historische/ tradierte Regeln

historische/tradierte Regeln
Motivation der Individuen mit unterschiedlichen Identitäten

Regeln und Regelfriktionen (Regeln sind Voraussetzung, aber auch Gefährder der Ordnung)

Set an Institutionen

Markt durch Wettbewerb und Entdeckung (Wettbewerb unterstützt menschliche Bedürfnisse)

endogene/exogene (!) Selbstorganisation“ auf der Basis von Grundannahmen/Regeln des Marktes: Schutz der Privatsphäre, freier Zugang zum Markt, Gewalt und Betrug werden verhindert, Schutz des Eigentums, Pflicht zur Vertragseinhaltung: „Disziplin der Freiheit“
Fehlt: Preise/ Knappheit ermöglichen arbeitsteilige OrdnungOrdnung mit
evolutionärer Weiterentwicklung durch „stochastische“ Optimierung, die zu Innovation führt

Integration individueller Ziele und gemeinsamer Werte ( er sieht aber auch, dass dies in der Praxis zu Problemen führen kann)

Höherer Wohlstand
Behebung/
Korrektur nach [2]
Röpke: System-Umfeld, Reduktion von Komplexität (in [2] wird von Reduktion und nicht Regulation gesprochen)Maturana: Liebe als wesentliches Element der Kommunikation
Röpke: Selbststabilisierung des Marktes durch verschachtelte System-Umwelt-Interaktion zur gegenseitigen Reduktion von Komplexität
Luhmann: Sinn als Struktur-Geber der Kommunikation
M 4.0Horizontale und vertikale Einbettung von SO-Kreisen (System und Subsysteme)

System- und Subsystem-Historien (u.a. Kultur/Mindset)
Komplexes
dynamisches Netzwerk an SO-Kreisen mit SO-Governancen.

Dieses Netzwerk, von der grobkörnigen zur feinkörnigen Governance, gibt hohe Freiheitsgrade und ermöglicht Resonanz und Synchronisation auf allen Ebenen und in allen SO-Kreisen.

Die SO-Governancen respektieren (bestehende) individuelle, organisationale und gesellschaftliche Mindsets und beruhen auf nachhaltigen Werten und Grundannahmen; Regeln und Institutionen werden minimiert.

Der Wert „Macht“, der bisher in unserer Gesellschaft als Kontrollparameter recht oft dominant vorliegt, wird in seine Schranken verwiesen, denn er ist in seiner dominanten Ausprägung SO verhindernd.
Komplexes Netzwerk an Ordnungsparametern/Attraktoren auf der Basis des komplexen SO-Netzwerkes

Diese erzeugt Ordnung, Ausrichtung und Sinn. (Die Ziel-Hierarchie ist ein Beispiel für eine Ordnungsparameter-Hierarchie)
Nachhaltige, evolutionäre Ordnung, die Innovationen und würdiges Leben für alle ermöglicht.
Tabelle 1: Hayek’sches Verständnis der Selbstorganisation des Marktes

Emergenz oder Selbstorganisation des Marktes?

Die 8te research conference der IPMA (International Project Management Association) beginnt am 09.09.2020 als Online Veranstaltung und steht unter dem Thema „Projects as arena for self-organizing“ [1]. Eine Kollegin fragt in einer Voabdiskussion „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?”.

Der vierte Teil der Blog-Reihe „Selbstorganisation des Marktes“ versucht diese Frage zu beleuchten und aus meiner Sicht zu beantworten. Gleichzeit möchte ich die Universalität des Konzeptes der Selbstorganisation weiter verdeutlichen.  

In meinem Blog-Beitrag über Evidenz-basiertes Management [2] habe ich am Beispiel des Begriffes Selbstorganisation schon einmal gezeigt, dass dieser Begriff völlig unterschiedlich verwendet wird und meines Erachtens daraus abgeleitete Ergebnisse einer wissenschaftlichen Befragung nicht aussagkräftig sind. In dieser wissenschaftlichen Befragung wurden folgende Begriffe als Substitut für „selbst-organisierte Teams“ verwendet: „self-managing teams, self-directing teams, self-regulating teams, self-organizing teams, self-leading teams, autonomous teams, autonomous task groups, autonomous work groups, and team leadership.”

Fast Jeder, der schon einmal in Gruppen oder Teams gearbeitet hat, hat sicherlich schon die Erfahrung gemacht, dass Teams, die man umgangssprachlich als selbst-organisiert bezeichnet hat, keineswegs eine „superpower“ entwickelt haben. – Viele der sogenannten agilen Teams gehören in diese Kategorie. Dagegen haben einige wenige, die Erfahrung gemacht, dass es auch selbst-organisierte Teams gibt, die „superpower“ haben bzw. entwickeln. – Diese Teams zeigen eine enorme Leistungsfähigkeit, kreieren Etwas völlig Neues und empfinden ihre Arbeit als hoch-motivierend und sinnvoll. Wenn so etwas auftritt spricht man von emergenten Phänomenen oder Emergenz (lateinisch emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“ [3]).

So gesehen trägt der Satz „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?” kein ausschließendes Oder in sich. Denn die Superpower ist ein wenig beobachtetes Phänomen, und gleichzeitig haben alle schon mal von (selbstorganisierten) Teams mit Superpower gehört. – Und schon ist das Fabelwesen „Selbstorganisation“ geboren, denn man hat davon gehört, keiner weiss was es ist, und gleichzeitig wünscht man es sich herbei.

In den wenigsten Fällen wird man Selbstorganisation auch mit Technologie oder Technik verbinden. So dürfte den wenigsten bekannt sein, dass z.B. Laser, Supraleitung, Künstliche Intelligenz oder smarte autonome Logistiksysteme auf Selbstorganisation beruhen [4].

In [5] werden die Begriffe Emergenz und Selbstorganisation untersucht und voneinander abgegrenzt. Emergenz wird dort wie folgt definiert:

„A system exhibits emergence when there are coherent emergents at the macro-level that dynamically arise from the interation between the parts at the mirco-level. Such emergents are novel with respect to the individual parts of the system.”

Selbstorganisation wird in [5] definiert als:

„Self-organisation is a dynamical and adpative process where systems acquire and maintain structure themselves, without external control.”

Unsere in [6] gegebene Definition integriert Emergenz und Selbstorganisation:

„Self-organization creates, under certain conditions (setting-, control- and order parameters) and through the interaction of system elements on the micro-level, emergent properties on a macro-level. The consequence of a self-organizing process is an ordered pattern, collective behavior or a new structure.”

Wie man unmittelbar sehen kann, integriert unsere Definition Selbstorganisation und Emergenz nicht nur, sondern sie geht sogar noch ein Stück weiter: Sie spricht von bestimmten Konditionen (den Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparametern) unter denen emergente Selbstorganisation sich ausbilden. – Und in diesem Sinne verwenden wir Selbstorganisation im Management 4.0. – Wir sprechen nur dann von emergenter Selbstorganisation, wenn sich ein Ordnungsparameter ausbildet.

Das heißt auch, dass die von uns verwendete Definition von emergenter Selbstorganisation, Emergenz und das übliche Verständnis von Selbstorganisation (wie in [4] verwendet) einschließt. Nicht alle Systeme, die nach üblichem Verständnis als selbstorganisierte Systeme verstanden werden, zeigen Emergenz sondern sind z.B. nur autonom und passen sich mehr oder weniger emergent an die Umgebung an. Um diesen Grad an Emergenz zu verdeutlichen, könnte man eine Skala von z.B. 1 bis 10 einführen und selbstorganisierte Systeme entsprechend einordnen: Hiernach hätten vermutlich die meisten der sogenannten agilen Teams eine Emergenz, die nahe 1 ist (also nur wenig oder keine Emergenz)  und einige wenige eine Emergenz nahe 10 (also eine hohe Emergenz). Wenn wir von einem Collective Mind in Teams sprechen, dann meinen wir eine Emergenz, die Nahe 10 ist. (Anm.: Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur einige Versuche Emergenz über Komplexität oder Entropie zu definieren und zu messen. – Diese Versuche waren meines Erachtens bisher nicht sehr erfolgreich, da man eigentlich nicht wirklich genau weiß, was Emergenz ist [7].)

Die Unvorhersehbarkeit und die Stärke des Ordnungsparameters, beim Team der Collective Mind, ist im Management 4.0 ein „Maß“ für den Emergenzgrad. – In Management 4.0 Trainings lernen die Teilnehmer für den Emergenzgrad eine Intuition zu entwickeln. – Dies erlaubt ihnen über Selbstreflexion ihre Team-Emergenz (Teamperformance) zu erhöhen.

Technische Systeme, die auf Emergenz beruhen, hätten hiernach einen recht hohen Grad an Emergenz. – Dies wäre insoweit gerechtfertigt als der Emergenzgrad die mit einem kollektiven Verhalten verbundene qualitative und quantitative Neuartigkeit einer Vernetzung „misst“. Falls das Universum auf emergenter Selbstorganisation beruht, dann läge dessen Emergenzgrad sicherlich sehr viele Größenordnungen über unserer Skala von 1 bis 10. Abbildung 1 zeigt einen sehr vagen Versuch die Emergenzgrade verschiedener Systeme zu „bemessen“.

Abbildung 1: Systeme und deren Emergenzgrad, eine sehr vage Zuordnung

Warum ist dies Alles wichtig für das Verständnis von Selbstorganisation, insbesondere von sozialer Selbstorganisation, hier der Selbstorganisation des Marktes?

Ein Markt ist auch ein selbstorganisiertes System, das Emergenz zeigt. Ein überregulierter Markt kann keine emergente Selbstorganisation mehr ausbilden, denn es gibt ja keine Neuartigkeit bzw. Unvorhersehbarkeit, die der Markt als Ganzes zeigt. – Und damit verliert der Markt das Potential Emergenz zu zeigen. – Man beachte, dass diese Aussage direkt zu dem schon erwähnten Glaubenssatz „Selbstorganisation verträgt keine Eingriffe“ führt. – Man beachte aber auch, dass wir an vielen anderen Stellen im Blog schon gezeigt haben, dass „Eingriffe“ sehr wohl vorkommen können: Diese „Eingriffe“ wirken als Governance, die die Rahmen- und Kontrollparameter gestaltet und indirekt hilft, dass sich der oder die Ordnungsparameter ausbilden können.

Ein unterregulierter Markt, also ein Markt, der keinen Eingriffen unterliegt, zeigt aber auch nicht zwangsläufig eine hohe Emergenz und wenn er Emergenz zeigt, dann ist dies eventuell eine Emergenz, die nicht wünschenswert ist. – Man kann dies mit einem sehr wenig regulierten, also autonomen Team vergleichen, das auch nicht automatisch Emergenz zeigt.

Legt man den Fall Tönnies als symptomatisch für die Fleischindustrie zugrunde, dann zeigt dieser Markt wahrscheinlich eine gewisse Emergenz (auf unserer Skala vielleicht 2-3), die leider aber nicht wünschenswert ist! Diese Emergenz lässt sich zum großen Teil auf die nicht wünschenswerte Kultur in diesem Markt zurückführen. Wenn also Emergenz auftritt, so ist diese keineswegs immer gut. – An anderer Stelle habe ich des Öfteren festgestellt, dass Selbstorganisation keinesfalls immer „gut“ ist. – Es kann durchaus hochemergente Gesellschaften und Märkte oder auch Organisationen und Teams geben, die mit Superpower Böses tun.

Emergente Selbstorganisation, also „superpower“, wenn man sie denn haben will, benötigt die explizite Ausbildung eines wünschenswerten Mindsets oder einer wünschenswerten Kultur, denn sonst entsteht eine „superpower“, die man ggf. nicht mehr kontrollieren kann. – Deswegen ist z.B. die Ausbildung einer Ethik für die Digitale Transformation besonders wichtig. Allgemein kann man sagen, dass es für Transformationen, die emergente Strukturen hervorbringen (hervorbringen sollen) besonders wichtig ist, eine Ethik auszubilden, und zwar umso mehr, als ein höherer Emergenzgrad mit ihnen verbunden ist.

 

[1] IPMA (2020) 8te IPMA research conference, http://www.ipma-research-conference.world/

[2] Oswald Alfred (2018) Evidenzbasiertes Management: Richtig verstanden… geht kein Weg daran vorbei, https://agilemanagement40.com/evidenzbasiertes-management-richtig-verstanden-geht-kein-weg-daran-vorbei, zugegriffen am 07.09.2020

[3] Emergenz (2020) https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz, zugegriffen am 07.09.2020

[4] Czybik Björn, Ehrlich Marco, Trsek Henning, Oswald Alfred (2020) Eine differenzierte Betrachtung ganzheitlicher Selbstorganisation im Rahmen von Industrie 4.0, veröffentlicht im Rahmen der Automation 2020, https://www.vdi-wissensforum.de/automatisierungskongress/

[5] De Wolf Tom, Holvoet Tom (2004) Emergence and Self-Organisation a statement of similarities and differences, Lecture Notes in Computer Science 3464

[6] Oswald Alfred, Köhler Jens, Schmitt Roland (2018) Project Management at the Edge of Chaos, Springer

[7] Greve Jens, Schnabel Annette (Hrsg.) (2011) Emergenz: Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen, suhrkamp taschenbuch wissenschaft