„System von Systemen“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

Die GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) berichtet gerade von einem erfolgreichen neuen Tarifabschluss für die AVG-Lokführer: Bis zum 01.01.2021 erhalten diese eine gestaffelte Lohnerhöhung von 4,1% [1]. Für die Lokführer der DB wurde der Einstieg in neue Verhandlungen mit 4,8% Lohnforderung bekannt gegeben [2]. Als Hintergrundinformation verweise ich auch auf die bemerkenswerte Grundsatzrede von Claus Weselsky [3].

Wir haben in den vorherigen Blog-Beiträgen gesehen, dass es nicht einen Markt gibt, sondern viele bzw. sehr viele Märkte, die mehr oder weniger ihr selbstorganisiertes „Eigenleben“ führen. Auf diesen Märkten bilden sich Preise als Ordnungsparameter (OP) aus und die Knappheit, also die Differenz von Angebot und Nachfrage, wirkt als Kontrollparameter.- Je nachdem wie groß die Knappheit ist, bildet sich ein entsprechender Preis aus, der jedoch nicht statisch ist, sondern dynamisch. – Sobald sich eine der beiden Seiten, Nachfrage oder Angebot, ändert, ändert sich im Normalfall auch der Preis. 

An dem Beispiel der Lokführer Lohnerhöhung erläutere ich einige Aspekte der Selbstorganisation für Lohn- bzw. Preis-Märkte [4]. Auch hier gilt, wie für die vorherigen Blog-Beiträge auch, dass es nicht der Anspruch sein kann, professionell Ökonomie zu betreiben. Sondern es geht darum, mit der Perspektive der Selbstorganisation (SO) auf Märkte, zu erkennen, dass die Prinzipien der Selbstorganisation, die für die neue (postmoderne) Arbeitswelt sowie deren (Projekt) Management gültig sind, auch für die Ökonomie, Politik und Gesellschaft gelten.

Abbildung 1 zeigt den sogenannten Verbraucherpreisindex: Mit Referenz auf das Jahr 2015 (100%) sind die Verbraucherpreise eines standardisierten Warenkorbes auf 6.2 % bis zum QII 2020 gestiegen [5].

Abbildung 1: Verbraucherpreisindex [5]

Auf der Basis des Verbraucherpreisindex und des sogenannten Nominalpreisindex lässt sich der Reallohnindex ermitteln: Reallohnindex = Nominallohnindex/Verbraucherpreisindex. Der Reallohnindex ist ein Maß für die Kaufkraft, die mit der nominellen Lohnerhöhung verbunden ist. Gemäß dem Preiskaleidoskop gehen z.B. die Aufwendungen für die Mobilität (Verkehr) mit 12,9% in den Verbraucherpreisindex ein [6]. Der Nominallohnindex ist in der Zeit von 2015 bis QII 2020 um ca. 5% bis ca. 13 % gestiegen, je nach Lohnbereich [7].

Genau dies ist der Kontext, indem die GDL ihre Forderungen nach Lohnerhöhung stellt. Weselsky drückt das Ziel mit den Worten „Gleicher (fairer) Lohn für gleiche Arbeit aus.“ – Das ist einer der wichtigsten Glaubenssätze, oder besser gesagt Prinzipien, nach denen er offensichtlich handelt [3]. Hierbei sollte man wissen, dass das höchste Lokführergehalt leicht unterhalb des sogenannten mittleren Bruttolohns in Deutschland liegt (ca. 48 T€/Jahr in 2019) [8]. – Was schon sehr verwundert! – Zusätzlich wird angestrebt die Steigerung des nominellen Bruttogehaltes an die Steigerung des Verbraucherpreisindex anzupassen, damit der Lohn, der die Kaufkraft widerspiegelt, also der Reallohn, erhalten bleibt.      

Die sogenannten Ökonomieschulen der Neoklassiker und der Keynesianer haben unterschiedliche Erwartungshaltung an Lohnverhandlungen, ganz ähnlich wie die Arbeitgeber und Arbeitnehmer (Schulen sind Communities mit unterschiedlichen ökonomischen Glaubenssätzen):

  • Ein Neoklassiker bzw. Neoliberaler ist (wahrscheinlich) ein Befürworter möglichst geringer Nominallohnanpassung. Da Unternehmen ein marktwirtschaftliches Risiko tragen, müssen sie ihre Kosten, also auch die Nominallohnkosten, geringhalten. Außerdem sorgt der Markt auch im Nominallohnbereich automatisch für ein Gleichgewicht: Es wird automatisch das bezahlt, was der Markt über Selbstorganisation als Gleichgewichtslohn ermittelt. Deshalb ist Lohnzurückhaltung für die Tarifpartei „Gewerkschaft“ geboten.
  • Ein Keynesianer würde wahrscheinlich dagegenhalten, dass die Arbeit bzw. die Gewerkschaften keinen Einfluss auf den Reallohn, sondern nur auf den Nominallohn haben. Da Lohnempfänger einerseits angemessen am Produktivitätszuwachs des Unternehmens beteiligt werden sollten und auch einen fairen und für einen guten Lebensunterhalt notwendigen Lohn erhalten sollten, ist der Nominallohn anzupassen, spätestens dann, wenn der Reallohn sinkt.

Das Problem bei dieser Fragestellung ist, „Wer hat Recht“ und gibt es tatsächlich ein „Rechthaben“ in jedem Kontext. – Management 4.0 geht von der Grundannahme aus, dass es dies nicht geben kann, also Ökonomieschulen per se keinen Sinn machen, da sie mehr oder weniger „immer“ eine notwendige Glaubenssatzbetrachtung und damit verbunden eine Kontextbetrachtung nicht oder ungenügend durchführen.

Die Betrachtung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass z.B. der Verbraucherpreisindex, als ein „kalkulierter“ Ordnungsparameter im Nachhinein (ex-post) vom Statistischen Bundesamt bestimmt wird. Eine Gewerkschaft streitet jedoch immer im Vorhinein (ex-ante) für einen Nominallohn. Und das Unternehmen muss eine evtl. vorhandene Nominalpreiserhöhung irgendwie so „verdauen“, dass es wettbewerbsfähig bleibt. Nominallohn, Preisindex und Reallohn stehen in einem permanenten zyklischen Rückkopplungsprozess.  

Abbildung 2 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen ex-post Berechnungen und ex-ante Verhandlungen.

Abbildung 2: Ex-ante Verhandlungen und ex-post Berechnungen

Auf dieser Basis lässt sich der Ausschnitt eines Systems von selbstorganisierten Markt-Systemen skizzieren. Abbildung 3 zeigt die Gesellschaft in einer der üblichen Darstellungen für selbstorganisierte Systeme, nämlich als SO-Kreise. Hier nutzen wir schon die Tatsache aus, dass jedes System als selbstorganisiertes System betrachtet werden kann, lediglich die Anzahl an Freiheitsgraden und damit die Fähigkeit Emergenz zu zeigen, unterscheidet sich. 

Abbildung 3: System von Systemen als selbstorganisierte Kreise

Abbildung 3 zeigt im Wesentlichen zwei selbstorganisierte Kreise (Märkte): Den Verbrauchermarkt und den Arbeitsmarkt. Der Verbrauchermarkt enthält viele Sub-Märkte, d.h. verschiedene Angebot-Nachfrage-Märkte, die über Rückkopplungen, hier dargestellt als grüne Pfeile, Preise als Ordnungsparameter (OP) ausbilden. Ideale Märkte, die sich über einen optimalen Wettbewerb auszeichnen, sind nicht notwendig, damit sich OP’s ausbilden. Im SO-Kreis Arbeitsmarkt habe ich im Wesentlichen den Markt bestehend aus der GDL, die das Angebot „Arbeitskraft Lokführer“ vertritt und verschiedene Unternehmen, die als Nachfrager für die „Arbeitsleistung Lokführer“ auftreten, skizziert: Es bilden sich selbstorganisiert Löhne als Ordnungsparameter heraus. Die GDL vertritt in ca. 45 Unternehmen die Lokführer als Tarifpartner der Unternehmen. Hier liegt in keinem Fall ein idealer Wettbewerb vor. Claus Weselsky ist besonders stolz darauf, dass er feststellen kann: „Der Wettbewerb über die Lohnkosten existiert nicht.“. Diese Aussage spiegelt eine tiefe Überzeugung bezüglich des Wertes menschlicher Arbeit wider: Menschliche Arbeit und deren Entlohnung sollte den Menschen erlauben in Würde ein von existentiellen Sorgen befreites Leben zu führen. Aus diesem Grunde hat die GDL als Tarifpartner vieler Bahnunternehmen einen Weg gefunden, um den Unternehmenswettbewerb von dem Lohnwettbewerb weitgehend abzukoppeln. Im Management 4.0 entspricht dies dem Satz „Management 4.0 sorgt für eine an den Grundbedürfnissen der Menschen orientierte Selbstorganisation und Führung!“ – Es ist die postmoderne Aussage, dass Wettbewerb im Lohnmarkt kein Mittel ist, um Leben in Würde sicherzustellen.

Auf der Basis von Abbildung 3 lassen sich die Aussagen der Ökonomieschulen wie folgt formulieren:

  • Neo-Klassik: Mit dem OP des Arbeitsmarktes wird der OP des Verbrauchermarktes beeinflusst. Dies treibt eine Preisspirale an, außerdem müssen die Lohnerhöhungen vom Unternehmen verkraftet werden. Also ist Lohnzurückhaltung geboten.
  • Keysianer: Mit dem OP des Arbeitsmarktes wird der OP des Verbrauchermarktes, wahrscheinlich nicht beeinflusst. Es kommt also nicht zwingend zu einer Preisspirale, außerdem sind die Arbeitskräfte am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen. Lohnzurückhaltung ist also nicht geboten.

Die Aussage, dass Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren, verliert automatisch an Relevanz, wenn allgemein Lohn aus einem (oft machtverzerrten) Wettbewerb genommen wird. – Eine Unternehmensleistung, die lediglich über Niedriglohn bestehen kann, macht keinen Sinn für die Menschen, die davon leben sollen. Unter dieser Grundannahme diskutiere ich damit lediglich den Aspekt der Kopplung des selbstorganisierten Verbrauchermarktes und des Arbeitsmarktes über Preis- und Lohnindizes.

In beiden stereotypen Aussagen der Ökonomieschulen betrachte ich den Verbraucherpreisindex, den Nominalpreisindex und den Realpreisindex als kalkulierte Ordnungsparameter, die für die Kopplung des selbstorganisierten Verbrauchermarktes und des selbstorganisierten Arbeitsmarktes sorgen. – Also auch zwischen diesen SO-Kreisen liegt eine Rückkopplung vor, hier wieder graphisch verdeutlicht durch die grünen Pfeile.

Es ergeben sich folgende mögliche Kopplungen:

Die unmittelbare Kopplung: Dies ist der Ansatz der Neo-Klassik. Die Ergebnisse der Verhandlungen zum Nominallohn beeinflussen unmittelbar den Verbrauchermarkt. Diese unmittelbare Kopplung könnte nur eintreten, falls das Kaufverhalten der Lokführer direkt einen messbaren Einfluss auf den Verbrauchermarkt hätte. – Dies erscheint in unserem gesellschaftlichen Kontext unwahrscheinlich. – In einem anderen Kontext könnte es aber Lohngruppen geben, die aufgrund ihres Verhaltens oder der schieren Anzahl einen großen Einfluss haben.

Die mittelbare Kopplung: Aufgrund der Leuchtturmwirkung der Lokführer-Verhandlungen erzeugt diese eine Signalwirkung für andere Tarifbereiche. Die wiederum „erzwingen“ ähnlich große oder größere Lohnerhöhungen und dies würde wiederum zu einer Veränderung im Verhalten führen.- Z.B. würde auf Grund des höheren Einkommens mehr Bananen gegessen werden und/oder mehr Auto gefahren werden. Prinzipiell ist solch ein Kontext vorstellbar, die Veränderung dürfte sich jedoch nur langsam und kontinuierlich bemerkbar machen, da der Ordnungsparameter „Preise“ nur langsam über das Verhalten verändert wird.

Die chaotische Kopplung: Das gesamte gesellschaftliche System befände sich in einem Zustand der Instabilität: Kleinste Änderungen im Arbeitsmarkt hätten große oder sogar katastrophale Folgen im Bereich der Verbrauchermärkte. Dies erscheint derzeit unwahrscheinlich.

Prinzipiell lassen sich alle drei Kopplungen vermessen, in dem über statistische Auswertungen Aussagen zu Korrelationen und Chaos ermittelt werden [9].

Zusammenfassend stelle ich fest: Solange sich die Lohnforderungen an dem Verbraucherpreisindex ex-ante orientieren, ist aus diesen Betrachtungen zur Selbstorganisation nicht ableitbar, dass durch Lohnforderungen Nachteile für das System der Märkte entstehen.

 

[1] GDL Pressemitteilung (2020) Tarifrunde abgeschlossen, GDL und AVG beschließen trotz Corona-Krise attraktives Gesamtpaket für Beschäftigte. https://www.gdl.de/Aktuell-2020/Pressemitteilung-1598361781, zugegriffen am 30.10.2020

[2] GDL Pressemitteilung (2020) DB-Tarifabschluss, Mehr Entgelt, höhere Zulagen und das Recht auf echte Freizeit!, https://www.gdl.de/Aktuell-2019/Aushang-1546622281, zugegriffen am 30.10.2020

[3] GDL (2020) Grundsatzrede von Claus Weselsky, https://www.gdl.de/Aktuell-2020/Podcast-1599486436, zugegriffen am 30.10.2020

[4] Norbert Schaffitzel (2020) Verschiedene wertvolle Anregungen meines Kollegen Norbert Schaffitzel aus der GPM Fachgruppe Agile Management  

[5] Statistisches Bundesamt (2020) Verbraucherpreisindex gesamt https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Preismonitor/Preismonitor.html, zugegriffen am 30.10.2020

[6] Statistisches Bundesamt (2020) Preiskaleidoskop https://service.destatis.de/Voronoi/PreisKaleidoskop.svg, zugegriffen am 30.10.2020

[7] Statistisches Bundesamt (2020) Nominallohnindex, https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/post-kurier-expressdienste/_Grafik/_Interaktiv/reallohnindex.html, zugegriffen am 17.11.2020

[8] Lokführergehalt (2020) https://www.mystipendium.de/berufe/lokfuehrer/gehalt#:~:text=Das%20durchschnittliche%20Lokf%C3%BChrer-Gehalt%20eines%20Lokf%C3%BChrers%20bei%20der%20Deutschen,Lokf%C3%BChrer-Gehalt%20von%20rund%203458%20Euro%20brutto%20im%20Monat, zugegriffen am 04.11.2020

[9] Strunk Guido (2019) leben wir in einer immer komplexer werdenden Welt? – Methoden der Komplexitätsmessung für die Wirtschaftswissenschaften, Complexity-Research, Forschung&Lehre Verlag, Wien

 

 

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ oder von der Selbstorganisation des Marktes

„Einen Feind in einen Freund verwandeln“ steht verkürzt für die sogenannte Katallaxie, ein Konzept der Selbstorganisation des Marktes. Dieses Konzept geht im Wesentlichen auf den Ökonomie-Nobelpreisträgers F. A. von Hayek [1] zurück. Von Hayek hat seine Ideen zur „Ökonomie einer freien menschlichen Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von komplexen ökonomischen Problemstellungen“ in den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entwickelt, zu einer Zeit als die Komplexitätsforschung erblühte und naturwissenschaftliche Theorien zur Selbstorganisation immer mehr an Bedeutung gewannen. Leider fanden die Ergebnisse dieser Komplexitätsforschung keinen direkten Eingang in das Hayek’sche Konzept. – Und selbst ca. 30-40 Jahre später gab es in der Dissertation von Dötsch [2] noch keinen Brückenschlag zwischen Sozial- und Naturwissenschaft.

In der Tabelle 1, der Übersicht wegen am Ende des Blogbeitrages, habe ich das Konzept der Katallaxie auf der Basis von [2] mit den Mittel der Synergetik zusammengefasst. Die Tabelle enthält gemäß [2] auch einige zentrale Vorschläge zur Behebung bzw. Korrektur des Hayek’schen Markt-Selbstorganisations-Verständnisse sowie zum Vergleich einige zentrale Aussagen des Management 4.0 Konzept (M 4.0). – Die Behebungen bzw. Korrekturen aus [2] treffen meines Erachtens den Kern der „Unzulänglichkeiten“ im Hayek’schen Selbstorganisations-Verständnisse, jedoch fehlt der Brückenschlag zu den universellen und modernen Konzepten der Selbstorganisation [3], [4], [5].

Die Beschäftigung mit den ökonomischen Selbstorganisations-Konzepten des Marktes ist deshalb so enorm wichtig, weil diese unser aller Verständnis von Markt, Wirtschaft und letztendlich auch unserer Gesellschaft enorm prägen. Am SO Verständnis scheiden sich die ökonomischen Geister: Die Befürworter der im Wesentlichen unregulierten SO werden als Neoklassiker oder Neoliberale und die Gegner einer unregulierten SO als Keynesianer oder gar als Sozialisten und Kommunisten stigmatisiert. Wie in den vorherigen Blog-Beiträgen skizziert, beruht diese gegenseitige Stigmatisierung auf Glaubenssätzen, die teilweise Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreichen und auf einem mehr oder weniger guten Verständnis der Theorien der Ökonomiegrößen. Hayek ist eine solche Ökonomiegröße. Es wäre vermessen alle Aspekte seines SO Verständnisse vollständig verstehen und referieren zu wollen, ich glaube jedoch, dass man im Licht der modernen SO-Theorien einen sehr guten Zugang zu den herrschenden ökonomischen Glaubenssätzen bekommt und damit Handwerkszeug für eine notwendige gesellschaftliche Transformation erhält.

Hayek sieht den Wettbewerb „Einen Feind in einen Freund verwandeln“ als „Enabler“ oder wie wir im M 4.0 sagen, als Kontrollparameter der Markt-Selbstorganisation. Wettbewerb ist bei ihm durchweg positiv belegt. Falls die Markt-Regeln eingehalten werden, können sich nach Hayek negative Auswirkungen kaum einstellen. Man beachte, dass Hayek also sehr wohl schon das Eingreifen in den Markt über Regeln und ein Set an Institutionen kennt. – Ein Umstand, der wahrscheinlich vielen (unbewussten) Anhängern der Hayek’schen Ansätze nicht bekannt sein dürfte und der nach wie vor zur Polarisierung zwischen sogenannten Ökonomieschulen führt. – Die integrierende Kraft eines rationalen Selbstorganisations-Verständnisses, ohne behindernde Glaubenssätze, ist in der Ökonomie nach meiner bisherigen Kenntnis wenig verbreitet.

Man beachte, der Markt verliert auch gemäß Hayek aufgrund seiner Markt-Regeln nicht zwangsläufig seine SO! – Die Hayek’schen Markt-Regeln sind eine „einfache“ Form einer SO-Governance.

Seit der Erfindung des LASERs gehört das gezielte Steuern von SO zum Handwerkszeug von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. – Inzwischen hat sich auch eine neue Forschungsrichtung unter dem Begriff „Guided Self-Organization“ etabliert, die gerade für die Bereiche Künstliche Intelligenz und Robotik immer mehr an Bedeutung gewinnt [5].

Die Führung der Selbstorganisation durch Governance ist das zentrale Werkzeug der Agilen Führung 4.0. Ein Mittel dieser Führung 4.0 ist die regulierte Interaktion bzw. Kommunikation, einen Wettbewerb an Ideen, der durch gegenseitigen Respekt und Wertschätzung reguliert wird.- Deswegen ist es auch verständlich, dass in [2] auf eine „Korrektur“ durch Humberto Maturana hingewiesen wird. Maturana kritisiert den „Wettbewerb“ als entscheidenden Stabilisator des Marktes und verweist stattdessen auf die Liebe als Stabilisator. Im M 4.0 sprechen wir von einer Kommunikation, in der die Persönlichkeit des „Anderen“ über den Austausch von Ideen und Waren wertgeschätzt wird; also einer Liebe, die gleichermaßen Mensch, Tier und Natur als die „Anderen“ einschließt. Diese wertschätzende Form des Austausches ist im Management 4.0 der entscheidende Kontrollparameter der Selbstorganisation. Die SO im M 4.0 Konzept ist also auf Kooperation bzw. Kollaboration ausgelegt, wohingegen die SO im Hayek’schen Sinne kompetitiv angelegt ist.

Das Hayek’sche System „Markt“ kennt nicht wirklich eine Umwelt. Wie in der Systemtheorie sonst üblich, kennt das Hayek’sche Konzept damit das System-bildendende Verhältnis von System und Umwelt nicht. Spätestens seit Ashby gehört jedoch die Regulation der System-Komplexität als „Antwort“ auf die Komplexität der Umwelt zur Adaptionsfähigkeit eines Systems.- In den Naturwissenschaften ist dieser Austausch mit dem Begriff der Entropie bzw. des Entropieaustausches verbunden. Die Selbstorganisation des Marktes hängt also wesentlich mit dessen Fähigkeit zur Regulation von Komplexität zusammen. –  Andere sprechen meines Erachtens fälschlicher Weise von der „Reduktion von Komplexität“, statt von der „Regulation von Komplexität“. Gerade aktuell treffen wir leider wieder sehr oft auf Vertreter der „Reduktion von Komplexität“: Trump, Johnson, Orban, Verschwörungsideologen, AfD und Nazi’s aber auch einzelne Vertreter der Wirtschaft wie Tönnies oder Wirecard reduzieren die Komplexität unseres Seins, um es für sich nutzbar zu machen, ggf. auch unter Verletzung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. – Die „Reduktion von Komplexität“ durch vermeintliche Führungskräfte im Angesicht einer komplexen Umwelt ist ein sehr klares Indiz für eine wertvernichtende (Selbst-) Führung.

Dahinter verbirgt sich auch der Glaubenssatz „der Markt ist (nahezu) Alles“. Dies trägt auch dazu bei, dass die Fehlentwicklungen des Marktes nicht gesehen werden können. Die Fehlentwicklungen eines gesellschaftlichen Subsystems, wie diejenigen des Marktes, werden erst sichtbar, wenn man sie im Lichte eines größeren Ganzen betrachtet: Tönnies, der seine Welt auf seinen Markt reduziert, wird die damit verbundenen Fehlentwicklungen nicht erkennen; die Manager der Autoindustrie, die ihre Welt auf das Auto reduzieren, werden den Schaden, den Sie eventuell für Generationen anrichten, nicht erkennen.- Diese Reduktion ist sogar vielmehr notwendig, um in der so geschaffenen reduzieren Welt handlungsfähig zu bleiben.

Das Hayek’schen Konzept erkennt zwar viele „richtige“ Bestandteile und Wirkzusammenhänge der Selbstorganisation, jedoch fehlt die klare Ausgestaltung von Rahmenparametern und Kontrollparametern, d.h. der Bedeutung von System-Umwelt, der Regulation von Komplexität und der entsprechenden Relativierung der Bedeutung des Wettbewerbs. Was auch fehlt ist das Erkennen von Ordnungsparametern oder Attraktoren als Ordnung hervorrufender Bestandteil der SO. Preise werden zwar als Ordnung schaffende Makro-Ergebnisse eingeführt, wobei jedoch eher die Knappheit eines Gutes über die Preisbildung als ordnungsschaffend angesehen wird. Knappheit oder das Bedürfnis nach der Überwindung von Knappheit ist meines Erachtens ein Kontrollparameter, der auch manchmal gezielt von Produktanbietern eingesetzt wird, um die Nachfrage und die Preise anzukurbeln. Ordnungsparameter sind Parameter, die sich zeitlich in größeren Zeithorizonten verändern, sogenannte „slow variables“, sie ordnen das Verhalten von sogenannten „fast variables“. In [3] wurde gezeigt, dass man ökonomische Theorien nach den in der Theorie ausgewählten Ordnungsparametern („slow variables“) charakterisieren kann. – In allen dort aufgeführten Theorien wird die Technologie als die langsamste der veränderlichen Größen angesehen. – Die Technologie ist also ein dominanter Ordnungsparameter.- Am Beispiel der deutschen Autoindustrie kann man erkennen wie das Festhalten am Verbrennungsmotor, das Denken dieser Industrie dominiert. Gemäß [3], kann man die Theorienschulen in den mathematischen Modellen, die vereinfachend nur wenige Systemparameter enthalten, nach den verwendeten Ordnungsparametern unterscheiden: Zum Beispiel favorisiert die Theorieschule nach Keynes Gehälter (und Preise) als Ordnungsparameter; die Neoklassik favorisiert Kapital (und Arbeit) als Ordnungsparameter. – Die Synergetik kann also einen Brückenschlag zwischen Theorienschulen liefern, in dem die Auswahl der Systemparameter (Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparameter) zur Beschreibung von ökonomischen Mustern sich am jeweiligen gesellschaftlichen Kontext orientiert und nicht am Glaubenssatz!

Die Verwendung von Ziel-Hierarchien (z.B. Collective Mind Informationshierarchie, Story Map oder OKR) nutzt genau diese Erkenntnis: Ziele auf oberster Ebene (u.a. Vision/Mission) verändern sich langsamer bzw. sollen sich langsamer verändern als untergeordnete Ziele (u.a. SMARTe Ziele). Ziele mit langsamer zeitlicher Veränderung dienen als Anker für die untergeordneten Ziele mit schnellerer zeitlicher Veränderung, sie sind Sinn-Geber! Und genau hier setzt die Kritik von Niklas Luhmann an: Preise sind zwar untergeordnete Ordnungsparameter, jedoch können sie keinen Sinn erzeugen. Sie sind allenfalls in ihrer untergeordneten Rolle Ausdruck eines übergeordneten Sinns. Knappheit ist auf keinen Fall ein Sinn-Geber, allenfalls ist die Auflösung von Knappheit, wie oben schon gesagt, ein Kontrollparameter. Man kann hier wiedererkennen, dass wesentliche SO-Wirkmechanismen in dem Hayek’schen SO-Verständnis nicht enthalten sind. Auch wenn Hayek die Integration von individuellen Zielen durch den Marktmechanismus thematisiert, so lässt sich auch hier die Wirkung des Glaubenssatzes „der Markt ist (nahezu) Alles“ wiedererkennen.

Im Lichte aktueller Entwicklungen (Klima, Corona und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen u.a. wie Tönnies und Dieselskandal) und der bisherigen Blogbeiträge zur Selbstorganisation des Marktes ergibt sich die klare Erkenntnis:

Der Markt kann seine innovative Kraft auch zeigen, wenn er als selbstorganisiertes System mittels Governance in ein übergeordnetes gesellschaftliches System eingebettet ist.

Das übergeordnete gesellschaftliche System liefert den Sinn (d.h. die obersten Ordnungsparameter) für das Subsystem Markt. – Markt allein macht keinen Sinn und damit auch keine sinnvolle Ordnung! 

[1] Wikipedia (2020) Friedrich August von Hayek,  https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek, zugegriffen am 04.10.2020

[2] Dötsch Jörg (2012) Wettbewerbliche Ordnung als fragiles System, Systemtheoretische Überlegungen zum Ansatz Friedrich August von Hayeks, Dissertation Universität Bayreuth

[3] Zhang Wei-Bin (1991) Synergetic Economics – Time and Change in Non-linear Economics, Springer

[4] Liening Andreas (2017) Komplexität und Entrepreneurship: Komplexitätsforschung sowie Implikationen auf Entrepreneurship-Prozesse, Springer Gabler, Kindle Ausgabe

[5] Prokopenko Mikhail (Editor) (2014) Guided Self-Organization: Inception, Springer

 

Rahmen-
parameter
Kontroll-
parameter
Ordnungs-
parameter
Makro-
Struktur
HayekFehlt: Regulation von Komplexität in einem Netzwerk von gestaffelten System-Umfeld-Beziehungen
Fehlt: Einbettung in ein SO-horizontales-vertikales Umfeld
historische/ tradierte Regeln

historische/tradierte Regeln
Motivation der Individuen mit unterschiedlichen Identitäten

Regeln und Regelfriktionen (Regeln sind Voraussetzung, aber auch Gefährder der Ordnung)

Set an Institutionen

Markt durch Wettbewerb und Entdeckung (Wettbewerb unterstützt menschliche Bedürfnisse)

endogene/exogene (!) Selbstorganisation“ auf der Basis von Grundannahmen/Regeln des Marktes: Schutz der Privatsphäre, freier Zugang zum Markt, Gewalt und Betrug werden verhindert, Schutz des Eigentums, Pflicht zur Vertragseinhaltung: „Disziplin der Freiheit“
Fehlt: Preise/ Knappheit ermöglichen arbeitsteilige OrdnungOrdnung mit
evolutionärer Weiterentwicklung durch „stochastische“ Optimierung, die zu Innovation führt

Integration individueller Ziele und gemeinsamer Werte ( er sieht aber auch, dass dies in der Praxis zu Problemen führen kann)

Höherer Wohlstand
Behebung/
Korrektur nach [2]
Röpke: System-Umfeld, Reduktion von Komplexität (in [2] wird von Reduktion und nicht Regulation gesprochen)Maturana: Liebe als wesentliches Element der Kommunikation
Röpke: Selbststabilisierung des Marktes durch verschachtelte System-Umwelt-Interaktion zur gegenseitigen Reduktion von Komplexität
Luhmann: Sinn als Struktur-Geber der Kommunikation
M 4.0Horizontale und vertikale Einbettung von SO-Kreisen (System und Subsysteme)

System- und Subsystem-Historien (u.a. Kultur/Mindset)
Komplexes
dynamisches Netzwerk an SO-Kreisen mit SO-Governancen.

Dieses Netzwerk, von der grobkörnigen zur feinkörnigen Governance, gibt hohe Freiheitsgrade und ermöglicht Resonanz und Synchronisation auf allen Ebenen und in allen SO-Kreisen.

Die SO-Governancen respektieren (bestehende) individuelle, organisationale und gesellschaftliche Mindsets und beruhen auf nachhaltigen Werten und Grundannahmen; Regeln und Institutionen werden minimiert.

Der Wert „Macht“, der bisher in unserer Gesellschaft als Kontrollparameter recht oft dominant vorliegt, wird in seine Schranken verwiesen, denn er ist in seiner dominanten Ausprägung SO verhindernd.
Komplexes Netzwerk an Ordnungsparametern/Attraktoren auf der Basis des komplexen SO-Netzwerkes

Diese erzeugt Ordnung, Ausrichtung und Sinn. (Die Ziel-Hierarchie ist ein Beispiel für eine Ordnungsparameter-Hierarchie)
Nachhaltige, evolutionäre Ordnung, die Innovationen und würdiges Leben für alle ermöglicht.
Tabelle 1: Hayek’sches Verständnis der Selbstorganisation des Marktes

Emergenz oder Selbstorganisation des Marktes?

Die 8te research conference der IPMA (International Project Management Association) beginnt am 09.09.2020 als Online Veranstaltung und steht unter dem Thema „Projects as arena for self-organizing“ [1]. Eine Kollegin fragt in einer Voabdiskussion „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?”.

Der vierte Teil der Blog-Reihe „Selbstorganisation des Marktes“ versucht diese Frage zu beleuchten und aus meiner Sicht zu beantworten. Gleichzeit möchte ich die Universalität des Konzeptes der Selbstorganisation weiter verdeutlichen.  

In meinem Blog-Beitrag über Evidenz-basiertes Management [2] habe ich am Beispiel des Begriffes Selbstorganisation schon einmal gezeigt, dass dieser Begriff völlig unterschiedlich verwendet wird und meines Erachtens daraus abgeleitete Ergebnisse einer wissenschaftlichen Befragung nicht aussagkräftig sind. In dieser wissenschaftlichen Befragung wurden folgende Begriffe als Substitut für „selbst-organisierte Teams“ verwendet: „self-managing teams, self-directing teams, self-regulating teams, self-organizing teams, self-leading teams, autonomous teams, autonomous task groups, autonomous work groups, and team leadership.”

Fast Jeder, der schon einmal in Gruppen oder Teams gearbeitet hat, hat sicherlich schon die Erfahrung gemacht, dass Teams, die man umgangssprachlich als selbst-organisiert bezeichnet hat, keineswegs eine „superpower“ entwickelt haben. – Viele der sogenannten agilen Teams gehören in diese Kategorie. Dagegen haben einige wenige, die Erfahrung gemacht, dass es auch selbst-organisierte Teams gibt, die „superpower“ haben bzw. entwickeln. – Diese Teams zeigen eine enorme Leistungsfähigkeit, kreieren Etwas völlig Neues und empfinden ihre Arbeit als hoch-motivierend und sinnvoll. Wenn so etwas auftritt spricht man von emergenten Phänomenen oder Emergenz (lateinisch emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“ [3]).

So gesehen trägt der Satz „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?” kein ausschließendes Oder in sich. Denn die Superpower ist ein wenig beobachtetes Phänomen, und gleichzeitig haben alle schon mal von (selbstorganisierten) Teams mit Superpower gehört. – Und schon ist das Fabelwesen „Selbstorganisation“ geboren, denn man hat davon gehört, keiner weiss was es ist, und gleichzeitig wünscht man es sich herbei.

In den wenigsten Fällen wird man Selbstorganisation auch mit Technologie oder Technik verbinden. So dürfte den wenigsten bekannt sein, dass z.B. Laser, Supraleitung, Künstliche Intelligenz oder smarte autonome Logistiksysteme auf Selbstorganisation beruhen [4].

In [5] werden die Begriffe Emergenz und Selbstorganisation untersucht und voneinander abgegrenzt. Emergenz wird dort wie folgt definiert:

„A system exhibits emergence when there are coherent emergents at the macro-level that dynamically arise from the interation between the parts at the mirco-level. Such emergents are novel with respect to the individual parts of the system.”

Selbstorganisation wird in [5] definiert als:

„Self-organisation is a dynamical and adpative process where systems acquire and maintain structure themselves, without external control.”

Unsere in [6] gegebene Definition integriert Emergenz und Selbstorganisation:

„Self-organization creates, under certain conditions (setting-, control- and order parameters) and through the interaction of system elements on the micro-level, emergent properties on a macro-level. The consequence of a self-organizing process is an ordered pattern, collective behavior or a new structure.”

Wie man unmittelbar sehen kann, integriert unsere Definition Selbstorganisation und Emergenz nicht nur, sondern sie geht sogar noch ein Stück weiter: Sie spricht von bestimmten Konditionen (den Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparametern) unter denen emergente Selbstorganisation sich ausbilden. – Und in diesem Sinne verwenden wir Selbstorganisation im Management 4.0. – Wir sprechen nur dann von emergenter Selbstorganisation, wenn sich ein Ordnungsparameter ausbildet.

Das heißt auch, dass die von uns verwendete Definition von emergenter Selbstorganisation, Emergenz und das übliche Verständnis von Selbstorganisation (wie in [4] verwendet) einschließt. Nicht alle Systeme, die nach üblichem Verständnis als selbstorganisierte Systeme verstanden werden, zeigen Emergenz sondern sind z.B. nur autonom und passen sich mehr oder weniger emergent an die Umgebung an. Um diesen Grad an Emergenz zu verdeutlichen, könnte man eine Skala von z.B. 1 bis 10 einführen und selbstorganisierte Systeme entsprechend einordnen: Hiernach hätten vermutlich die meisten der sogenannten agilen Teams eine Emergenz, die nahe 1 ist (also nur wenig oder keine Emergenz)  und einige wenige eine Emergenz nahe 10 (also eine hohe Emergenz). Wenn wir von einem Collective Mind in Teams sprechen, dann meinen wir eine Emergenz, die Nahe 10 ist. (Anm.: Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur einige Versuche Emergenz über Komplexität oder Entropie zu definieren und zu messen. – Diese Versuche waren meines Erachtens bisher nicht sehr erfolgreich, da man eigentlich nicht wirklich genau weiß, was Emergenz ist [7].)

Die Unvorhersehbarkeit und die Stärke des Ordnungsparameters, beim Team der Collective Mind, ist im Management 4.0 ein „Maß“ für den Emergenzgrad. – In Management 4.0 Trainings lernen die Teilnehmer für den Emergenzgrad eine Intuition zu entwickeln. – Dies erlaubt ihnen über Selbstreflexion ihre Team-Emergenz (Teamperformance) zu erhöhen.

Technische Systeme, die auf Emergenz beruhen, hätten hiernach einen recht hohen Grad an Emergenz. – Dies wäre insoweit gerechtfertigt als der Emergenzgrad die mit einem kollektiven Verhalten verbundene qualitative und quantitative Neuartigkeit einer Vernetzung „misst“. Falls das Universum auf emergenter Selbstorganisation beruht, dann läge dessen Emergenzgrad sicherlich sehr viele Größenordnungen über unserer Skala von 1 bis 10. Abbildung 1 zeigt einen sehr vagen Versuch die Emergenzgrade verschiedener Systeme zu „bemessen“.

Abbildung 1: Systeme und deren Emergenzgrad, eine sehr vage Zuordnung

Warum ist dies Alles wichtig für das Verständnis von Selbstorganisation, insbesondere von sozialer Selbstorganisation, hier der Selbstorganisation des Marktes?

Ein Markt ist auch ein selbstorganisiertes System, das Emergenz zeigt. Ein überregulierter Markt kann keine emergente Selbstorganisation mehr ausbilden, denn es gibt ja keine Neuartigkeit bzw. Unvorhersehbarkeit, die der Markt als Ganzes zeigt. – Und damit verliert der Markt das Potential Emergenz zu zeigen. – Man beachte, dass diese Aussage direkt zu dem schon erwähnten Glaubenssatz „Selbstorganisation verträgt keine Eingriffe“ führt. – Man beachte aber auch, dass wir an vielen anderen Stellen im Blog schon gezeigt haben, dass „Eingriffe“ sehr wohl vorkommen können: Diese „Eingriffe“ wirken als Governance, die die Rahmen- und Kontrollparameter gestaltet und indirekt hilft, dass sich der oder die Ordnungsparameter ausbilden können.

Ein unterregulierter Markt, also ein Markt, der keinen Eingriffen unterliegt, zeigt aber auch nicht zwangsläufig eine hohe Emergenz und wenn er Emergenz zeigt, dann ist dies eventuell eine Emergenz, die nicht wünschenswert ist. – Man kann dies mit einem sehr wenig regulierten, also autonomen Team vergleichen, das auch nicht automatisch Emergenz zeigt.

Legt man den Fall Tönnies als symptomatisch für die Fleischindustrie zugrunde, dann zeigt dieser Markt wahrscheinlich eine gewisse Emergenz (auf unserer Skala vielleicht 2-3), die leider aber nicht wünschenswert ist! Diese Emergenz lässt sich zum großen Teil auf die nicht wünschenswerte Kultur in diesem Markt zurückführen. Wenn also Emergenz auftritt, so ist diese keineswegs immer gut. – An anderer Stelle habe ich des Öfteren festgestellt, dass Selbstorganisation keinesfalls immer „gut“ ist. – Es kann durchaus hochemergente Gesellschaften und Märkte oder auch Organisationen und Teams geben, die mit Superpower Böses tun.

Emergente Selbstorganisation, also „superpower“, wenn man sie denn haben will, benötigt die explizite Ausbildung eines wünschenswerten Mindsets oder einer wünschenswerten Kultur, denn sonst entsteht eine „superpower“, die man ggf. nicht mehr kontrollieren kann. – Deswegen ist z.B. die Ausbildung einer Ethik für die Digitale Transformation besonders wichtig. Allgemein kann man sagen, dass es für Transformationen, die emergente Strukturen hervorbringen (hervorbringen sollen) besonders wichtig ist, eine Ethik auszubilden, und zwar umso mehr, als ein höherer Emergenzgrad mit ihnen verbunden ist.

 

[1] IPMA (2020) 8te IPMA research conference, http://www.ipma-research-conference.world/

[2] Oswald Alfred (2018) Evidenzbasiertes Management: Richtig verstanden… geht kein Weg daran vorbei, https://agilemanagement40.com/evidenzbasiertes-management-richtig-verstanden-geht-kein-weg-daran-vorbei, zugegriffen am 07.09.2020

[3] Emergenz (2020) https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz, zugegriffen am 07.09.2020

[4] Czybik Björn, Ehrlich Marco, Trsek Henning, Oswald Alfred (2020) Eine differenzierte Betrachtung ganzheitlicher Selbstorganisation im Rahmen von Industrie 4.0, veröffentlicht im Rahmen der Automation 2020, https://www.vdi-wissensforum.de/automatisierungskongress/

[5] De Wolf Tom, Holvoet Tom (2004) Emergence and Self-Organisation a statement of similarities and differences, Lecture Notes in Computer Science 3464

[6] Oswald Alfred, Köhler Jens, Schmitt Roland (2018) Project Management at the Edge of Chaos, Springer

[7] Greve Jens, Schnabel Annette (Hrsg.) (2011) Emergenz: Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen, suhrkamp taschenbuch wissenschaft