Emergenz oder Selbstorganisation des Marktes?

Die 8te research conference der IPMA (International Project Management Association) beginnt am 09.09.2020 als Online Veranstaltung und steht unter dem Thema „Projects as arena for self-organizing“ [1]. Eine Kollegin fragt in einer Voabdiskussion „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?”.

Der vierte Teil der Blog-Reihe „Selbstorganisation des Marktes“ versucht diese Frage zu beleuchten und aus meiner Sicht zu beantworten. Gleichzeit möchte ich die Universalität des Konzeptes der Selbstorganisation weiter verdeutlichen.  

In meinem Blog-Beitrag über Evidenz-basiertes Management [2] habe ich am Beispiel des Begriffes Selbstorganisation schon einmal gezeigt, dass dieser Begriff völlig unterschiedlich verwendet wird und meines Erachtens daraus abgeleitete Ergebnisse einer wissenschaftlichen Befragung nicht aussagkräftig sind. In dieser wissenschaftlichen Befragung wurden folgende Begriffe als Substitut für „selbst-organisierte Teams“ verwendet: „self-managing teams, self-directing teams, self-regulating teams, self-organizing teams, self-leading teams, autonomous teams, autonomous task groups, autonomous work groups, and team leadership.”

Fast Jeder, der schon einmal in Gruppen oder Teams gearbeitet hat, hat sicherlich schon die Erfahrung gemacht, dass Teams, die man umgangssprachlich als selbst-organisiert bezeichnet hat, keineswegs eine „superpower“ entwickelt haben. – Viele der sogenannten agilen Teams gehören in diese Kategorie. Dagegen haben einige wenige, die Erfahrung gemacht, dass es auch selbst-organisierte Teams gibt, die „superpower“ haben bzw. entwickeln. – Diese Teams zeigen eine enorme Leistungsfähigkeit, kreieren Etwas völlig Neues und empfinden ihre Arbeit als hoch-motivierend und sinnvoll. Wenn so etwas auftritt spricht man von emergenten Phänomenen oder Emergenz (lateinisch emergere „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“ [3]).

So gesehen trägt der Satz „Is self-organization a “superpower” or a “mythological creature?” kein ausschließendes Oder in sich. Denn die Superpower ist ein wenig beobachtetes Phänomen, und gleichzeitig haben alle schon mal von (selbstorganisierten) Teams mit Superpower gehört. – Und schon ist das Fabelwesen „Selbstorganisation“ geboren, denn man hat davon gehört, keiner weiss was es ist, und gleichzeitig wünscht man es sich herbei.

In den wenigsten Fällen wird man Selbstorganisation auch mit Technologie oder Technik verbinden. So dürfte den wenigsten bekannt sein, dass z.B. Laser, Supraleitung, Künstliche Intelligenz oder smarte autonome Logistiksysteme auf Selbstorganisation beruhen [4].

In [5] werden die Begriffe Emergenz und Selbstorganisation untersucht und voneinander abgegrenzt. Emergenz wird dort wie folgt definiert:

„A system exhibits emergence when there are coherent emergents at the macro-level that dynamically arise from the interation between the parts at the mirco-level. Such emergents are novel with respect to the individual parts of the system.”

Selbstorganisation wird in [5] definiert als:

„Self-organisation is a dynamical and adpative process where systems acquire and maintain structure themselves, without external control.”

Unsere in [6] gegebene Definition integriert Emergenz und Selbstorganisation:

„Self-organization creates, under certain conditions (setting-, control- and order parameters) and through the interaction of system elements on the micro-level, emergent properties on a macro-level. The consequence of a self-organizing process is an ordered pattern, collective behavior or a new structure.”

Wie man unmittelbar sehen kann, integriert unsere Definition Selbstorganisation und Emergenz nicht nur, sondern sie geht sogar noch ein Stück weiter: Sie spricht von bestimmten Konditionen (den Rahmen-, Kontroll- und Ordnungsparametern) unter denen emergente Selbstorganisation sich ausbilden. – Und in diesem Sinne verwenden wir Selbstorganisation im Management 4.0. – Wir sprechen nur dann von emergenter Selbstorganisation, wenn sich ein Ordnungsparameter ausbildet.

Das heißt auch, dass die von uns verwendete Definition von emergenter Selbstorganisation, Emergenz und das übliche Verständnis von Selbstorganisation (wie in [4] verwendet) einschließt. Nicht alle Systeme, die nach üblichem Verständnis als selbstorganisierte Systeme verstanden werden, zeigen Emergenz sondern sind z.B. nur autonom und passen sich mehr oder weniger emergent an die Umgebung an. Um diesen Grad an Emergenz zu verdeutlichen, könnte man eine Skala von z.B. 1 bis 10 einführen und selbstorganisierte Systeme entsprechend einordnen: Hiernach hätten vermutlich die meisten der sogenannten agilen Teams eine Emergenz, die nahe 1 ist (also nur wenig oder keine Emergenz)  und einige wenige eine Emergenz nahe 10 (also eine hohe Emergenz). Wenn wir von einem Collective Mind in Teams sprechen, dann meinen wir eine Emergenz, die Nahe 10 ist. (Anm.: Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur einige Versuche Emergenz über Komplexität oder Entropie zu definieren und zu messen. – Diese Versuche waren meines Erachtens bisher nicht sehr erfolgreich, da man eigentlich nicht wirklich genau weiß, was Emergenz ist [7].)

Die Unvorhersehbarkeit und die Stärke des Ordnungsparameters, beim Team der Collective Mind, ist im Management 4.0 ein „Maß“ für den Emergenzgrad. – In Management 4.0 Trainings lernen die Teilnehmer für den Emergenzgrad eine Intuition zu entwickeln. – Dies erlaubt ihnen über Selbstreflexion ihre Team-Emergenz (Teamperformance) zu erhöhen.

Technische Systeme, die auf Emergenz beruhen, hätten hiernach einen recht hohen Grad an Emergenz. – Dies wäre insoweit gerechtfertigt als der Emergenzgrad die mit einem kollektiven Verhalten verbundene qualitative und quantitative Neuartigkeit einer Vernetzung „misst“. Falls das Universum auf emergenter Selbstorganisation beruht, dann läge dessen Emergenzgrad sicherlich sehr viele Größenordnungen über unserer Skala von 1 bis 10. Abbildung 1 zeigt einen sehr vagen Versuch die Emergenzgrade verschiedener Systeme zu „bemessen“.

Abbildung 1: Systeme und deren Emergenzgrad, eine sehr vage Zuordnung

Warum ist dies Alles wichtig für das Verständnis von Selbstorganisation, insbesondere von sozialer Selbstorganisation, hier der Selbstorganisation des Marktes?

Ein Markt ist auch ein selbstorganisiertes System, das Emergenz zeigt. Ein überregulierter Markt kann keine emergente Selbstorganisation mehr ausbilden, denn es gibt ja keine Neuartigkeit bzw. Unvorhersehbarkeit, die der Markt als Ganzes zeigt. – Und damit verliert der Markt das Potential Emergenz zu zeigen. – Man beachte, dass diese Aussage direkt zu dem schon erwähnten Glaubenssatz „Selbstorganisation verträgt keine Eingriffe“ führt. – Man beachte aber auch, dass wir an vielen anderen Stellen im Blog schon gezeigt haben, dass „Eingriffe“ sehr wohl vorkommen können: Diese „Eingriffe“ wirken als Governance, die die Rahmen- und Kontrollparameter gestaltet und indirekt hilft, dass sich der oder die Ordnungsparameter ausbilden können.

Ein unterregulierter Markt, also ein Markt, der keinen Eingriffen unterliegt, zeigt aber auch nicht zwangsläufig eine hohe Emergenz und wenn er Emergenz zeigt, dann ist dies eventuell eine Emergenz, die nicht wünschenswert ist. – Man kann dies mit einem sehr wenig regulierten, also autonomen Team vergleichen, das auch nicht automatisch Emergenz zeigt.

Legt man den Fall Tönnies als symptomatisch für die Fleischindustrie zugrunde, dann zeigt dieser Markt wahrscheinlich eine gewisse Emergenz (auf unserer Skala vielleicht 2-3), die leider aber nicht wünschenswert ist! Diese Emergenz lässt sich zum großen Teil auf die nicht wünschenswerte Kultur in diesem Markt zurückführen. Wenn also Emergenz auftritt, so ist diese keineswegs immer gut. – An anderer Stelle habe ich des Öfteren festgestellt, dass Selbstorganisation keinesfalls immer „gut“ ist. – Es kann durchaus hochemergente Gesellschaften und Märkte oder auch Organisationen und Teams geben, die mit Superpower Böses tun.

Emergente Selbstorganisation, also „superpower“, wenn man sie denn haben will, benötigt die explizite Ausbildung eines wünschenswerten Mindsets oder einer wünschenswerten Kultur, denn sonst entsteht eine „superpower“, die man ggf. nicht mehr kontrollieren kann. – Deswegen ist z.B. die Ausbildung einer Ethik für die Digitale Transformation besonders wichtig. Allgemein kann man sagen, dass es für Transformationen, die emergente Strukturen hervorbringen (hervorbringen sollen) besonders wichtig ist, eine Ethik auszubilden, und zwar umso mehr, als ein höherer Emergenzgrad mit ihnen verbunden ist.

 

[1] IPMA (2020) 8te IPMA research conference, http://www.ipma-research-conference.world/

[2] Oswald Alfred (2018) Evidenzbasiertes Management: Richtig verstanden… geht kein Weg daran vorbei, https://agilemanagement40.com/evidenzbasiertes-management-richtig-verstanden-geht-kein-weg-daran-vorbei, zugegriffen am 07.09.2020

[3] Emergenz (2020) https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz, zugegriffen am 07.09.2020

[4] Czybik Björn, Ehrlich Marco, Trsek Henning, Oswald Alfred (2020) Eine differenzierte Betrachtung ganzheitlicher Selbstorganisation im Rahmen von Industrie 4.0, veröffentlicht im Rahmen der Automation 2020, https://www.vdi-wissensforum.de/automatisierungskongress/

[5] De Wolf Tom, Holvoet Tom (2004) Emergence and Self-Organisation a statement of similarities and differences, Lecture Notes in Computer Science 3464

[6] Oswald Alfred, Köhler Jens, Schmitt Roland (2018) Project Management at the Edge of Chaos, Springer

[7] Greve Jens, Schnabel Annette (Hrsg.) (2011) Emergenz: Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen, suhrkamp taschenbuch wissenschaft

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