Bits to Atoms – Die Dritte Digitale Revolution

Oder: Co-Evolution von Physical und Social Technologies gesucht!

Zu Weihnachten 2018 habe ich von meinem Sohn Yannick, der als Ecological Economics Wissenschaftler tätig ist (siehe collective-mind.org ), das Buch Design Reality – How to Survive and Thrive in the Third Digital Revolution [1] geschenkt bekommen (man siehe auch [2]). Motivation für ihn, mir dieses Buch zu schenken, waren die beiden Aspekte Nachhaltigkeit und Social Technologies. – Insbesondere der letzte Aspekt gehört ja zu meinen Arbeitsschwerpunkten.

In diesem Buch skizzieren die drei Brüder Gershenfeld die von ihnen mitinitiierte Dritte Digitale Revolution. Die erste Revolution ist die Vernetzung durch das Internet und die zweite Revolution ist die durch die Miniaturisierung eingetretene Computer-im-Hosentaschen-Format Verbreitung (u.a. SmartPhone und SmartPad). Die Dritte Digitale Revolution besteht in ihrer letzten Ausbaustufe darin, dass in jedem Haushalt ein sogenanntes FabLab (Fabrication Laboratory) [3] zu finden ist. Diese FabLab’s sind in der Lage aus Basisstoffen (nahezu) alles herzustellen. Aus Computermodellen werden reale Objekte, man spricht deshalb von der „Bits to Atoms“ Technologie. Die derzeit bekannteste „Bits to Atoms“ Technologie ist die 3D-Drucker Technologie. Die Autoren betonen, dass die 3D-Drucker Technologie nur eine von vielen Technologien in einem FabLab ist [4], [5]. Im Jahre 2017 gab es weltweit ca. 1000 FabLab’s [1], [4].

Schreitet die Entwicklung der Dritten Digitale Revolution, wie bisher nach dem Lass’schen Gesetz prognostiziert, exponentiell voran (d.h. ~ (2/1,5)x, also eine Verdopplung alle 1,5 Jahre), so werden im Jahre 2050 ca. 1012 FabLab’s existieren. In der aktuellen Ausgabe der Megatrendmap des Zukunftsinstituts [6] ist der ehemals enthaltene Begriff Fabbing [7] nicht mehr enthalten. Stattdessen ist nur noch der Begriff 3D-Printing enthalten.

FabLab’s können sich heute hinsichtlich ihrer physikalischen Ausmaße erheblich unterscheiden: Von der Größe eines Laserdruckers [8] bis zu einer Größe, um Häuser zu drucken [9].

Wenn die Entwicklung denn exponentiell fortschreitet, tragen FabLab’s ganz entscheidend zu unserer Zukunft bei, hier einige Konsequenzen:

Individualisierung: Jeder kann sich nach eigenen Wünschen, die Produkte herstellen, die er sich wünscht bzw. die er benötigt. – Und schon heute kommt meine aktuelle Brille mit einem ganz speziellen Titan-Design aus einer FabLab-Produktion. – Man siehe auch die Megatrendmap [6] mit folgenden Trends: Do it yourself, Mass Customization, Lebensqualität, Single-Gesellschaft, Urban Farming, Urban Manufacturing,…

Nachhaltigkeit: Ein Ziel der FabLab’s ist es, dazu beizutragen, von der sogenannten Linearen Wirtschaft  auf die sogenannte Zyklische Wirtschaft umzustellen. Bei der Linearen Wirtschaft werden Basisstoffe verwendet, um Produkte zu erstellen (Stichwort: Ausbeutung der natürlichen Ressourcen) und diese Produkte landen dann vielfach im Abfall (Stichwort: Umweltverschmutzung). Die Zyklische Wirtschaft trägt dazu bei, dass die Produkte schon bei Design und Herstellung so modularisiert werden, dass diese Module wiederverwendet werden können. – Schon heute zeigen die Autoren von Design Reality, dass dies möglich ist [1], [2]. – Man siehe auch die Megatrendmap [6] mit folgenden Trends: Postwachstums-Ökonomie, Zero Waste, Circular Economy,…

Globalisierung: Wie schon oben erwähnt – siehe Häuser aus dem 3D-Drucker [9] – können FabLab-Produkte viel günstiger hergestellt werden. Damit können z.B. Häuser aus dem 3D-Drucker einerseits dazu beitragen unsere Wohnungsknappheit in Europa zu mildern, und andererseits in „Dritte Welt“ Ländern helfen, Wohnraum bereitzustellen oder in Notsituationen kurzfristig aufzubauen. Vielleicht noch wichtiger ist, dass Menschen aus der „Dritten Welt“ ihre ökonomische Autonomie zurückgewinnen.  – Schon heute berichtet die Tagespresse immer wieder von Menschen u.a. in Afrika, die aus alten Papierdruckerbestandteilen 3D-Drucker bauen und so innovative Produkte erzeugen, die sie am Markt preiswert anbieten können [10]. – Man siehe auch die Megatrendmap mit folgenden Trends [6]: Micro Housing, Direct Trade, Urban Farming, Urban Manufacturing,…

Im Buch Design Reality ist die Beschreibung der sogenannten Physical Technologies, und was man damit machen kann, schon sehr bemerkenswert. Doch für mich ist dies nicht das wirklich Bemerkenswerte! Das wirklich Bemerkenswerte ist die enorme Betonung der Social Technologies für die Digitalisierung: „…(physcial) technology is advancing at exponential rates while people tend to change at a linear rate… social systems become the limiting factors…The social sciences should be equal drivers when it comes to the human impacts of these transformational technologies. Currently that is not the case. In fact, it will take a culture change in the social sciences if they are to play this much-needed role…We cannot wait a generation for the social systems to co-evolve with the (physical) technology. This will require the social sciences to shift into a more proactive stance to become path creators, not just path observers.”

An der wissenschaftlichen Ausrichtung der jungen Wissenschaftlergeneration kann man erkennen, dass sich hier schon ein Umdenken bemerkbar macht. Indikatoren sind meines Erachtens die Veröffentlichungen in Top-Publikationen wie Science [11] oder das Auftauchen von Büchern wie Scale [12] und How Behavior Spreads [13]. Die GPM Fachgruppe Agile Management liefert ihren bescheidenen Beitrag zur oben skizzierten Entwicklung der Social Sciences/Social Technologies: Die Erkenntnis von Scale sind in dem Buchbeitrag „Scaled Agile Management 4.0“ verwertet worden und einige Erkenntnisse aus Science sowie How Behavior Spreads (social networks with wide bridges) sind in den Buchbeitrag „Agile Transformation 4.0“ eingeflossen. – Beide Beiträge sind im Release 3 unseres Handbuches Management 4.0 – Handbook for Agile Practices enthalten, das Ende März 2019 erscheint [14]. – Die Erkenntnisse fließen natürlich unmittelbar auch in unsere Trainings, Coaching und Consulting Tätigkeiten ein.

Um die notwendige Co-evolution von Physical Technologies und Social Technologies aktiv zu gestalten, schlagen die Brüder Gershenfeld ihr Predictive Transformation Model vor. Dieses Model lehnt sich an den Plan-Do-Check-Act Zyklus (PDCA Zyklus) an und entspricht in seiner Ausgestaltung mit hoher Übereinstimmung dem von uns vorgeschlagenen Agile Transformation 4.0 Modell [14], [15]. Das Agile Transformation 4.0 Modell beruht ebenfalls auf dem PDCA Modell, berücksichtigt zusätzlich die vier Hauptphasen einer individuellen oder organisationalen Veränderungsarbeit sowie die aus der Theorie der Selbstorganisation (Synergetik) abgeleiteten Erkenntnisse. Abbildung 1 zeigt das Agile Transformation 4.0 Modell für eine organisationale Transformation [14]:

Abbildung 1: Agile Transformation 4.0

Mit kleinen sprachlichen Änderungen ist das Predictive Transformation Modell in unserem Agile Transformation 4.0 Modell enthalten. Wir erläutern das Predictive Transformation Modell mit Hilfe unseres Modells:

Illmuninating pressure points bedeutet – im Predictive Transformation Modell – den Pfad der Digitalisierung zu antizipieren und ein gemeinsames gesellschaftliches Verständnis herbei zu führen.

Extracting organizational setting-, control- and order parameter bedeutet – im Predictive Transformation Modell – alle Stakeholder auf die antizipierte Digitalisierung auszurichten also ein gesellschaftliches Collective Mind auszubilden: Die Brüder Gershenfeld betonen hier das Flow Concept von Mihaly Csikszentmihalyi sowie die Ausbildung einer geeigneten Zielhierarchie (d.i. der „order parameter“ der Selbstorganisation) [15]. Diese Phase kulminiert dort in einer FabLab Charter und in der Agilen Transformation 4.0 in einer Transformation Charter. – In beiden Fällen ist es das Ziel, eine Governance über Leitplanken zu definieren, um einer Organisation eine regulierte Selbstorganisation zu ermöglichen.

Formulating fields of action of Collective Mind wird – bei den Brüdern Gershenfeld  – als “Cultivate: Enabling Ecosystem” bezeichnet. Dies entspricht unserer Ausgestaltung von Handlungsfeldern. Ein Zitat aus [1] möge dies für das Handlungsfeld Führung verdeutlichen: „… essential elements of such an overall fab ecosystem, including …Widely distributed mentorship and leadership for digital fabrication“.

Introducing Learning Organization bedeutet die selbstorganisierte Entwicklung einer Gesellschaft oder einer Fab Lab Organisation/Community, in der Physcial und Social Technologies co-evolutionieren. Hier taucht in [1] auch der Gedanke von „Organizations that make organizations and institutions that make institutions“ auf. – Ein Konzept, das wir in [14] und [15] in Verallgemeinerung der Agilen Organisation als Fluide Organisation bezeichnen. Fluide Organisationen bestehen aus Agilen Organisationen, die je nach Bedarf auf und ab gebaut werden: Hier ist das Lernen der alles bestimmende organisationale Faktor, denn ohne Lernen, ist es nicht möglich, dass ein exponentielles Wachstum des „Bits to Atoms“ Netzwerkes mittels „Organisationen machen Organisationen“ erzeugt wird.

Ich fasse zusammen:

  • „Bits to Atoms“ ist wahrscheinlich die Dritte Digitale Revolution: Exponentielles Wachstum ist heute sichtbar und die FabLab-Ausstattungs-Produkte werden immer preiswerter (3D-Drucker sind heute schon z.B. bei Amazon ab 100 € zu erhalten).
  • Die Dritte Digitale Revolution erfordert die Co-Evolution von Physical und Social Technologies, denn die Revolution beruht anders als die vorherigen auf dem exponentiellen Wachstum von Lab’s, also Organisationen. – Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass dies für die Digitalisierung insgesamt gilt, wenn wir nicht wollen, dass die Digital Physical Technologies uns überrollen.
  • Um die Co-Evolution herbei zu führen, ist eine Neuausrichtung der Social Science notwendig: Vom „path observer“ zum „path creator“ der Digitalisierung.
  • Management 4.0 ist vor ca. 8 Jahren in der GPM Fachgruppe Agile Management als „path creator“ ins Leben gerufen worden und wir gestalten seit dieser Zeit die Co-Evolution von Physical und Social Technologies: Unsere Mission ist es, branchenübergreifend mit unseren Kunden Arbeitsmodelle für die Wertschöpfung der Zukunft zu gestalten. Unsere damit verbundenen Erfolge beruhen ganz wesentlich auf der geeigneten Adaption und Anwendung von Physical und Social Science in Organisationen.         

[1] Gershenfeld Neil, Gershenfeld Alan, Cuther-Gershenfeld Joel (2017) Design Reality – How to Survive and Thrive in the Third Digital Revolution, BASIC BOOKS, New York

[2] Design Reality (2019) http://designingreality.org/, zugegriffen am 23.01.2019

[3] Wikipedia FabLab (2019)  https://de.wikipedia.org/wiki/FabLab, zugegriffen am 23.01.2019

[4] FabLab Verzeichnis (2019) https://www.fablabs.io/, zugegriffen am 23.01.2019

[5] Center for Bits and Atoms (CBA) (2019) http://cba.mit.edu/, zugegriffen am 23.01.2019

[6] Zukunftsinstitut Megatrends (2019) https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends/, zugegriffen am 23.01.2019

[7] Zukunftsinstitut Fabbing (2012) https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/technologie/fabbing-die-naechste-industrielle-revolution/, zugegriffen am 23.01.2019

[8] 3D Druck (2019) https://www.3d-grenzenlos.de/, zugegriffen am 23.01.2019

[9] Chip Haus 3D Druck (2019) https://www.chip.de/news/3D-Drucker-baut-ein-Haus-in-24-Stunden-Der-Preis-ist-unschlagbar-und-macht-Mut_135927528.html, zugegriffen am 23.01.2019

[10] 3D Druck in Afrika (2019) https://www.3d-grenzenlos.de/magazin/thema/3d-druck-in-afrika/, zugegriffen am 23.01.2019

[11] Science (2019) https://www.sciencemag.org/, zugegriffen am 23.01.2019

[12] West G (2017) Scale: The Universal Laws of Growth, Innovation, Sustainability, and the Pace of Life in Organisms, Cities, Economies, and Companies, Penguin Press, Kindle Edition

[13] Centola D (2018a) How Behavior Spreads: The Science of Complex Contagions (Princeton Analytical Sociology, Band 3), Princeton Univers. Press

[14] Oswald A, Müller W (editors) (2019) Management 4.0 – Handbook for Agile Practices, Release 3.0, BoD, Norderstedt

[15] Oswald A, Köhler J, Schmitt R (2016) Projekt Management am Rande des Chaos, Springer Heidelberg, oder engl. Version (2018) Project Management at the edge of chaos.

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